INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
\
IMAGO-BÜCHER / IV
D O STO JE WSKI
VON JOLAN NEUFELD
IMAGO-BÜCHER/IV
DOS TO JEWS R I
SKIZZE ZU SEINER
PSYCHOANALYSE
VON
JOLAN NEUFELD
INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH
1923
ALLE RECHTE
BESONDERS DIE DER ÜBERSETZUNG
VORBEHALTEN
COPYRIGHT 1923 „ „„„. , r
BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
GES. M. B. H. WIEN
GEDRUCKT BEI K..LIEBEL IN WIEN
Hätten Krieg und Revolution das autokratische Ruß-
land nicht vernichtet, so hätte Rußland unter Teilnahme
der ganzen gebildeten Welt 1921 den hundertsten Geburts-
tag Dostojewskis gefeiert. Das bolschewistische Rußland
huldigt einer so konservativen Autorität natürlich nicht,
und so unterblieben nicht nur all die Festlichkeiten, mit
denen die literarische Welt den größten Dichter Ruß-
lands feiern wollte, sondern auch die Memoiren und
Biographien, die die noch lebenden Mitglieder der Familie
Dostojewski zu diesem Anlasse schrieben oder schreiben
wollten, erschienen nicht. Nur die Tochter des Dichters,
Aimee Dostojewski, gab ihre Erinnerungen an den be-
rühmten Vater heraus.* Dieselben sind für den Psycho-
analytiker von keiner großen Bedeutung, da Aimee Dosto-
jewski alle Eigenschaften und Eigenheiten Dostojewskis
aus dem Umstände ableitet, daß er einer litauischen Familie
entstamme, also das Blut der Normahnen in seinen Adern
rolle. Für die Dauer ist diese gezwungene Ableitung des
väterlichen Charakters durchaus unbefriedigend und sogar
abgeschmackt; doch hat das Buch den großen Vorteil,
daß es die Aufmerksamkeit auf die Familienverhältnisse des
Dichters lenkt. Aufmerksam gemacht auf die so eigenartigen
*) „Dostojewski". Geschildert von seiner Tochter A. Dostojewski. Verlag
Ernst Reinhardt, München 1920.
Umstände, die das bewegte und ereignisreiche Leben
Dostojewskis bestimmten, mußte es auffallen, daß diese
Ereignisse einem widerspruchsvollen und rätselhaften
Charakter entspringen. Man muß erstaunt fragen: wie ist
es möglich, daß ein Mensch so loyal gesinnt ist, wie es
Dostojewski war und dabei an einer Verschwörung gegen
den Zaren teilnimmt? Wie kann jemand tief religiös und
zugleich absolut ungläubig sein? Woher kommt es, daß
ein Mensch, der mit jeder Nervenfaser an seiner Heimats-
scholle klebt, Monate, ja Jahre im Auslande verbringt?
Woher kommt es, daß er dem Gelde ununterbrochen
nachjagt, um es dann wie etwas vollkommen Wertloses
zum Fenster hinauszuwerfen? Wie das Leben, so ist auch
die Dichtung Dostojewskis enigmatisch. Rätselhafte Cha-
raktere, entgleiste Perverse sind die Helden seiner .Romane
und geben uns Rätsel über Rätsel auf, die mit der Be-
wußtseinpsychologie überhaupt nicht lösbar sind. Der
Zauberschlüssel der Psychoanalyse aber sprengt die Schlösser,
die diese Rätsel wahren und gewährt uns Einblick in den
Charakter und die Dichtungen Dostojewskis. All das Wider-
spruchsvolle und Rätselhafte erklärt die psychoanalytische
Einsicht: Es ist ein ewiger Ödipus, der dieses Leben lebte
und diese Werke dichtete, ein Mensch, der mit seinem
Ödipuskomplex nie endgiltig fertig wurde.
Die Familienverhältnisse Dostojewskis boten Anlaß
genug dazu, um aus einem reizbaren, von unbegrenzter
Eigenliebe beherrschtem Kinde, wie es der Dichter seiner
eigenen Aussage nach war, einen Ödipus zu machen. Seine
Mutter ist eine kleine Kaufmannstochter aus Moskau.
Dostojewski sagt von ihr, daß sie die Unterwürfigkeit,
Dostojewski
Nachgiebigkeit, Geduld und Hingebung in Person gewesen
sei. Es sind dies die Tugenden einer Gattin, und Aimee
Dostojewski erzählt tatsächlich, daß der Gatte die junge
Frau erzog und daß dieselbe mit unbegrenzter Hochachtung
an ihrem Manne hing. Die zarte Gesundheit und fort-
schreitende Tuberkulose warf sie oft aufs Krankenlager,
auch ihre Kinder mußte sie von Ammen ernähren lassen,
mit Ausnahme ihres ersten Sohnes Michail, den sie selbst
nährte und den sie nach den eifersüchtigen Bemerkungen
des Dichters auch am meisten liebte. Dennoch saß der
Dichter oft stundenlang an ihrem Krankenbette, pflegte
und zerstreute sie und las ihr vor. Dostojewski mußte
also die Liebe der Mutter mit zwei glücklicheren Kon-
kurrenten, mit Vater und Bruder teilen. Dostojewskis
Vater übte auf die Charakterentwicklung einen ungleich
größeren Einfluß aus. Michail Dostojewski kann mit einem
Begriffe, den die Psychoanalyse schuf, erschöpfend charak-
terisiert werden, er war ein analer Charakter. Heftig, auf-
brausend, mürrisch, pedantisch und kleinlich, dabei krank-
haft geizig.
Nach dem früh erfolgten Tode seiner Gattin nimmt
sein Alkoholismus immer mehr überhand und damit treten
die sadistischen Züge seines Charakters immer schärfer
hervor. Er verfolgt seine Töchter mit unwürdigen Ver-
dächtigungen, seine Söhne mit Mißtrauen, Heftigkeit und
Geiz, gibt seine Stelle, die er als leitender Arzt am Marien-
hospital in Moskau innehatte, auf, zieht auf sein Landgut
Darowoje, wo er seine Leibeigenen, die er stets streng
behandelte, derart brutalisierte, daß sich diese endlich
rächten. Eines Tages fuhr er auf sein anderes Landgut
Tschermasnja, der Kutscher entwischte mit dem Wagen
und man fand den Gutsherrn im Graben der Landstraße
erdrosselt. Die Leibeigenen gestanden bei ihrer Verhörung,
daß es ein Racheakt war. Wie aber auch der väterliche
Charakter gewesen sein mag, immerhin erzog Michaü
Dostojewski seine Söhne, besonders die zwei älteren, Michail
und Fjodor, mit der größten Sorgfalt. Die Erziehung, die
er ihnen zuteil werden ließ, war eigentümlich genug. Die
Knaben besuchen zuerst das Suchardische und dann das
Tschermakische Privatinstitut, weil dort der Unterricht
viel intensiver war. Im Wagen werden die Knaben zur
Schule gebracht und ebenso kehren sie wieder nach Hause
zurück. In den Werken Dostojewskis finden wir keine
einzige genaue Beschreibung seiner Vaterstadt, weil Dosto-
jewski diese eben gar nicht kennt. Der Verkehr mit
Altersgenossen, lärmendes Spiel ist ihnen strengstens unter-
sagt. Nur in Begleitung der Eltern gehen die Knaben
abends im nahen Marienhain spazieren, der Vater benützt
die winkeligen Gassen, die dahinführen, um den Knaben
die Begriffe der geometrischen Winkel anschaulich zu
machen. Die unterwegs gefundenen Steine und Pflanzen
geben Stoff zu botanischen und mineralogischen Er-
klärungen. Abends liest der Vater die russische Geschichte
von Karamsin, die heilige Schrift oder Geschichten aus
dem Leben der zahllosen russischen Heiligen vor. Den
lateinischen Unterricht erteilt der Vater selbst. Während
die Kinder dem Unterrichte der übrigen Lehrer sitzend
zuhören durften, mußten sie stehend, ja ohne sich anzu-
lehnen, — wie die kleinen Ölgötzen, sagt Andrej, der
jüngere Bruder des Dichters in seinen Erinnerungen -
Dostojewski
dem Unterrichte des Vaters folgen, seine jähzornigen Aus-
brüche lassen sie erbeben. Auch Dostojewski teilte das
Schicksal vieler Menschen, deren Vater zugleich ihr
Lehrer war ; die väterliche Autorität, durch die Autorität
des Lehrers verstärkt, fixierte den Knaben dermaßen
an den Vater, daß er nie im Leben von dieser Bindung
loskommen konnte. Der kleine Knabe haßt seinen Vater,
den glücklicheren Konkurrenten bei der Mutter, bitter,
wie wir dies später beweisen wollen, aber eben dieser
Vater war ihm anderseits auch das hohe Ideal, dem er
durch das ganze Leben nachstrebte, ohne je zu hoffen,
daß er es erreichen könnte.
Die Fixierung an den Vater geht aus zahllosen Zügen
hervor, vor allem aus den Briefen des Dichters, die er aus
der Ingenieurschule an den Vater richtet. Als Staatsbeamter
bekam der alte Dostojewski für alle seine Söhne Freiplätze
in staatlichen Instituten. Dort bekamen die Zöglinge un-
entgeltlich alles Notwendige, allein es scheint in Rußland,
im Lande Potemkins, die Verpflegung nicht einwandfrei ge-
wesen zu sein. Dostojewski erzählt in verzweifelten Briefen
an Vater und Bruder von den Entbehrungen, die er in der
Ingenieurschule erlitt. Während der herbstlichen Waffen-
übungen hat er einziges Paar Stiefel, die vom herbst-
lichen Regen ganz durchnäßt sind und die er trotzdem
nicht wechseln kann. Er erkrankt vor Hunger und Kälte
und hat keine einzige Kopeke, um sich mit einem Schluck
Tee zu erwärmen. Seine Kleidung schützt ihn nicht vor
den Unbilden der Witterung. Obwohl er genau weiß, daß
sein Vater in sehr günstigen pekuniären Verhältnissen
lebt, zwei Landgüter besitzt und auch ein bedeutendes
Jolan Neufeld
Barvermögen zurückgelegt hat und obwohl er voll Er-
bitterung war, schreibt er doch an den Vater nicht nur
ehrfurchtsvoll, sondern fast demütig. „Mein lieber Vater"
schreibt er, nachdem er seine schreckliche Lage geschildert
hat, „Sie werden doch nicht glauben, daß Ihr Sohn, wenn
er Sie um eine Geldunterstützung bittet, um etwas nicht
Notwendiges bittet. Doch ich ehre Ihre Not und werde
daher keinen Tee trinken." Trotz seines aufbrausenden
Wesens macht er seinem Vater nie den leisesten Vorwurf,
wie sehr ihn auch sein Geiz bedrücken mochte.
Über die allzu große Ehrfurcht des Dichters vor seinem
Vater erzählt uns auch Andrej Dostojewski. Als er mit
dem Dichter bereits in dessen höherem Alter einst auf
den Vater zu sprechen kam, da ergriff dieser seinen Arm,
wie er es zu tun pflegte, wenn ihm, was selten geschah,
das Herz aufging und rief: „Ach Bruder, das waren fort-
geschrittene Leute und solche Gatten, solche Familien-
oberhäupter werden wir nie." Man bedenke, daß dieser
Vater seine Söhne mit Strenge und Geiz, seine Töchter
mit unwürdigen Verdächtigungen, seine ganze Familie mit
seinem mürrischen und aufbrausenden Charakter quälte,
nur einem infantil verbliebenen Neurotiker kann ein solcher
Vater als unerreichtes Ideal vorschweben. Alle Erinnerungen
an das Vaterhaus sind durch denselben Affekt gefälscht,
was auch Mereschkowski über die Aufzeichnungen im
Tagebuche eines Schriftstellers bemerkte.
Familienoberhaupt zu sein, wie der Vater, ist ein Ehr-
geiz, der den Dichter durch sein ganzes Leben nicht ver-
läßt. Als er in erster Ehe eine Witwe heiratet, die bereits
einen Knaben hatte, freut er sich ungemein, die „hohe
Dostojewski
Würde, Vater zu sein, genießen zu können". Sein früh-
verstorbener Bruder Michail hinterläßt eine sehr zahlreiche
Familie. Der Dichter übernimmt all ihre Schulden, hilft
der Witwe weit über seine materiellen Kräfte, dafür aber
will er unumschränkter Gebieter dieser Familie sein, wider-
setzt sich der Heirat beider Mädchen, macht den Knaben
Vorschriften über ihre Zukunft und Studien, spielt also
den eigenen Vater.
Daß es nicht nur Großmut und brüderliche Liebe
war, die ihn zu dieser großen Opferwilligkeit bewegte,
geht auch daraus hervor, daß seine eigene Familie zu
gleicher Zeit darbte, ja daß er in Anfällen von Spielwut
den letzten warmen Rock seiner Frau ins Leihhaus trug.
Seine Gefährten im Zuchthause unterrichtet er ebenso,
wie später die Soldaten, mit welchen er in Semipalatinsk
zusammen diente, er ist ihnen also der Vater. Besonders
zeigt sich diese Nachahmung des väterlichen Ideals, als er
seine eigenen Kinder zu erziehen beginnt. Sie beten das-
selbe Gebet, das er als Kind gelernt hat, und er kann die Zeit
nicht erwarten, um ihnen vorzulesen, wie es einst bei ihm
der Vater tat. Seine Tochter erzählt in ihren Memoiren
humoristisch, wie der Vater ihr und dem noch jüngeren
Brüderchen, also fünf- und sechsjährigen Kindern die Räuber
Schillers vorliest. Die Kinder fühlen instinktiv, daß dem
Vater an dieser Vorlesung sehr viel gelegen ist, sie versuchen
krampfhaft wach zu bleiben und verständig zuzuhören, das
große Kind Dostojewski muß aber endlich doch einsehen, daß
die Kinder zu solchen Experimenten noch zu jung sind.
Zwei kleine Züge erwähnt auch Aimee Dostojewski, die
sie richtig als Bindung an den Vater erkennt. Sie erwähnt
12 Jolan Neufeld
die Vorliebe des alten Dostojewski für die französische
Sprache, die sein Sohn übernimmt, daher sprechen die
Romanhelden des Dichters das Russische oft mit französi-
schen Floskeln vermischt. Bei russischen Dichtern sollte
diese Eigenheit als natürlich angesehen werden und keiner
Deutung bedürfen, sprechen ja die Helden Turgenjeffs
oder Tolstojs eine ähnliche Sprache, jedoch sind dies inter-
nationale Menschen, bei Dostojewski gebrauchen ausschließ-
lich Vaterimagines das Französische, z. B. der Vater im
Jüngling, der alte Karamasow, usw.
Der andere Zug, den Aimee Dostojewski erwähnt, ist
ebenfalls bezeichnend. Die strenge Zucht und lieblose Be-
handlung der Schüler war einem so sensiblen Jünglinge,
wie unserem Dichter, eine Quelle steter Bitternisse in der
Ingenieurschule. Als aber die Schüler gegen -diese Behand-
lung demonstrieren, ist Dostojewski der Einzige, der an
dieser Demonstration nicht teilnimmt. Die Übertragung
auf die Vaterimagines der Lehrer ist stärker, als die Auf-
lehnung gegen die strenge Zucht und das Solidaritäts-
gefühl.
Haßgefühle gegen den Vater können aber noch in viel
größerer Anzahl aufgezeigt werden. Aimee Dostojewski
erzählt, daß ihrem Vater die Erinnerung an den Vater
während einer langen Epoche seines Lebens so peinlich
war, daß er es überhaupt nicht über sich vermochte, über
seinen Vater zu sprechen. Die ganze Ambivalenz des Knaben
Dostojewski spiegelt sich vollkommen im Romane „Der
Jüngling". Orest Miller und Mereschkowski bringen die
Epilepsie des Dichters ebenfalls mit seinen negativen Ge-
fühlen gegen den Vater in Verbindung. Der erste Biograph
Dostojewski 1 5
erzählt, als er auf die Krankheit Dostojewskis zu sprechen
kommt, sehr dunkel und zurückhaltend: „Es gibt noch
eine ganz besondere Überlieferung, welche die Krankheit
Dostojewskis auf ein erschütterndes Ereignis, welches im
zarten Kindesalter des Dichters im Familienleben der Eltern
vorgekommen war, in Verbindung bringt. Doch obzwar es
mir von einem durchaus glaubwürdigen und der Familie
des Dichters sehr nahestehenden Menschen mündlich mit-
geteilt wurde, will ich es hier doch nicht wiederholen."
Die durchaus unangebrachte Diskretion des Biographen ist
Schuld daran, daß wir nicht wissen können, welcher Art
das psychische Trauma war, auf welches das Kind so heftig
reagierte, wenn wir aber bedenken, daß Orest Miller die
Sexualität Dostojewskis überhaupt allzu prüde behandelt
und daß in unserer Gesellschaft das Sexuelle als das Un-
anständige und Undiskutierbare behandelt wird, können
wir mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es sich
um etwas Ähnliches im „Leben der gottesfürchtigen russi-
schen Familie" — wie sie Dostojewski selbst nennt —
gehandelt haben mag.
Mit der negativen Einstellung zum Vater mögen zwei
hysterische Symptome des Kindes- und Knabenalters eben-
falls zusammenhängen. Andrej Dostojewski erzählt, daß sein
Bruder im Alter von ungefähr zehn Jahren an einer Wolfs-
phobie litt. Es ist wohl nicht unstatthaft, eine Tierphobie
ohneweiters als Furcht vor dem Vater aufzufassen, wenn
wir außerdem bedenken, daß der ängstliche Knabe diese
Halluzination „Der Wolf kommt" in Tschermasnje hatte,
also auf dem Lande, wo er, frei von Pflichten, seinen
Spielen und Träumereien leben konnte, wohin der Vater
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1 a Jolan Neufeld,
der Familie nicht folgte. An dem Ort, wo also der Knabe
die mütterliche Zärtlichkeit mit diesem gefürchteten
Konkurrenten nicht teilen mußte, wird die Annahme,
daß der Angstruf, der Wolf komme, eigentlich die Angst
bedeute, der Vater komme, um das Idyll des Sommer-
aufenthaltes zu stören, wesentlich gestützt erscheinen. Daß
Tschermasnje der Ort war, wo sich der Knabe inzestuösen
Phantasien oft hingeben mochte, beweist auch der Roman
„Brüder Karamasow", am Tag des Mordes fährt der
Sohn nach Tschermasnje, um den Vatermord durch sein
Fernsein zu begünstigen.
Das andere hysterische Symptom entstand während
der Pubertät Dostojewskis, unmittelbar nach dem Tode
der Mutter, also um sein sechzehntes Lebensjahr. Nach
einer Wagenfahrt zur Kirche konnte er plötzlich erst über-
haupt nicht und später nur mit Anstrengung ganz leise
sprechen. Die Heiserkeit der Patientin Freuds Dora kann
zur Erklärung dieses Symptoms herangezogen werden. Wie
Dora wollte vielleicht auch unser Dichter mit niemandem
mehr sprechen, nachdem die Einziggeliebte tot war und
er das Wort nicht mehr an sie richten konnte. Es mag
aber Trotz gegen den Vater ebenfalls eine Rolle bei dieser
Krankheit gespielt haben. Freud meint mit Recht, daß.
jedermann in seinem eigenen Unbewußten ein Instrument
besitze, womit er das Unbewußte eines anderen auffasse
und da Dostojewskis Vater die Krankheit des Sohnes da-
durch zu heilen trachtete und zum Teil auch heilte, daß
er ihn von den übrigen Familienmitgliedern vollkommen
isolierte, können wir annehmen, daß er die Krankheit des
Sohnes unbewußt ebenfalls als Trotz und Auflehnung wertete.
Dostojewski \ g
In dieser, an den Vater übermäßig fixierten, zwischen
Liebe und Haß hin- und hergerissenen Seele ruft der
gewaltsame Tod des Vaters eine schreckliche Erschütterung
hervor. Aimee Dostojewski übermittelt uns die Familien-
tradition, daß der Dichter den ersten epileptischen Anfall
in dem Augenblicke bekam, als ihm die Mitteilung von
dem tragischen Tode des Vaters gemacht wurde. Und wenn
dies auch nicht der Wahrheit entspricht, wenn wir diesen
ersten Anfall, gestützt auf Orest Millers Gewährsmann,
auch in das zarteste Kindesalter verlegen, ist es doch un-
zweifelhaft richtig, daß Dostojewski auf diese Nachricht
mit heftigen Anfällen reagierte. Daß diese Anfälle mit
dem durch die Hiobsbotschaft erlittenen Chok zusammen-
hängen, beweist die Erzählung eines Jugendfreundes Dosto-
jewskis, des Schriftstellers Grigoro witsch, der in der Ingenieur-
schule Mitschüler des Dichters war und nach ihrem Aus-
tritt aus dieser Anstalt mit Dostojewski zusammen hauste.
Grigorowitsch erzählt, daß sie bei einem gemeinsamen
Spaziergange unvermutet auf einen Leichenzug stießen.
Kaum erblickte der Dichter den Zug, als er umkehren
wollte, aber schon im nächsten Augenblicke bekam er
einen besonders heftigen Anfall, von dem er sich nur
schwer erholte. Die unbewußten Haß- und Rachegedanken
gegen den Vater mögen bei dem unerwarteten Anblicke
dem Bewußtsein so nahe gekommen sein, daß die Zensur
sich derselben nur mittels einer tiefen Ohnmacht erwehren
konnte.
Ob es sich bei Dostojewski um epileptische oder hystero-
epileptische Anfälle handelte, ist schwer zu entscheiden.
Bemerkenswert ist jedenfalls, daß zu gleicher Zeit eine
16 Jolan Neufeld
J
ganze Schar anderer, ebenfalls im Ödipuskomplex wurzelnder
hysterischer Symptome, auf die wir gleich näher eingehen
werden, existierten, ferner, daß die Häufigkeit und Inten-
sität der Anfälle zeitlebens sehr variabel und von ver-
schiedenen Umständen abhängig war, daß der Dichter seine
Epilepsie auf das Zuchthausleben zurückführt und von der
Krankheit der Jünglingsjahre als Hysterie spricht und daß
endlich der vom Dichter sehr geliebte und oft zu Rate
gezogene verständige Hausarzt Dr. Janowski behauptete,
daß Dostojewski in seinem Jünglingsalter an einer der
Epilepsie sehr ähnlichen Krankheit litt, die aber keine Epilepsie
war. Auch Aimee Dostojewski erzählt, daß der Dichter einige
Jahre vor seiner Einkerkerung hysterisch wurde.
Die bedeutendsten Symptome dieser Krankheit erzählt
uns der Dichter teils selbst, teils liegen uns glaubhafte Be-
richte von Freunden und Familienmitgliedern vor. Nach letz-
teren soll der Dichter an einer beständigen Furcht gelitten
haben, lebend begraben zu werden. Wenn er sich abends
zur Ruhe begab, legte er auf seinen Tisch stets einen
Zettel mit der Aufschrift: „Heute werde ich in den lethar-
gischen Schlaf verfallen. Begrabet mich nicht vor fünf
Tagen." Die Psychoanalyse aber enträtselte die geheimnis-
volle Angst der Neurotiker vor dem Lebendbegrabenwerden
als Inzestphantasie. Außer dieser quälenden Angst litt der
Dichter um sein zwanzigstes Lebensjahr an hypochondri-
schen Anfällen. Er selbst sagt darüber in seiner an den
Untersuchungsrichter gerichteten Verteidigungsschrift: „Die
Hälfte meiner Zeit war ausgefüllt durch die Arbeit, die
mich nährte, die andere Hälfte mit hypochondrischen Ein-
fällen." An Hypochondrie und Zweifeln über ihre Lebens-
Dostojewski j 7
dauer aber leiden nur solche Neurotiker, die einem ihnen
Nahestehenden den Tod gewünscht haben, und dessen Tod
bald danach tatsächlich eingetroffen ist.
Nicht nur diese hysterischen Symptome, auch das ganze
sexuelle Leben Dostojewskis zur Zeit der Pubertät und der
Jünglingsjahre trägt das Gepräge der inzestuösen Bindung
an sich. Intime Bekannte und Familienangehörige des
Dichters behaupten, daß er vollkommen asexuell war, seine
Tochter z. B. überliefert uns die Familientradition, daß
der Dichter bis zu seinem vierzigsten Lebensjahre voll-
kommen abstinent lebte. Sie findet dies vollkommen glaub-
haft und erklärt das Phänomen einerseits damit, daß die
Männer des Nordens überhaupt schwer reifen, und Epi-
leptiker eine noch mehr verzögerte Entwicklung durch-
machen, daß also ihr Vater die volle Geschlechtsreife erst
in diesem Lebensalter erreichte. Dr. Riesenkampf, ein Arzt
aus Reval, den der ältere Bruder Michail dem Dichter
empfahl, und mit dem er lange Zeit zusammen hauste,
ein guter Freund, und wie es scheint, auch ein guter
Beobachter in gewissen Dingen, schreibt über denselben
Gegenstand: „Mit zwanzig Jahren laufen die jungen Leute
allen Schönen nach. Nichts dergleichen war an Dostojewski
zu bemerken. Er war gegen Frauen gleichgiltig, hatte
beinahe eine Abneigung gegen sie." Aimee Dostojewski
weiß auch davon zu berichten, daß ihr Vater von seinen
Freunden wegen allzu großer Zurückhaltung den Frauen
gegenüber oft verspottet wurde. Danach sollen die Freunde,
besonders der Liebling der Frauen, Turgenieff, den Dichter
lange Zeit hindurch gehänselt haben, daß er in Ohnmacht
falle, wenn es gelte, eine Frau zu umarmen.
Neufeld: Dostojewski 2
1 ;
y
Jolan Neufeld
Dabei aber fehlt es nicht an Fingerzeigen, wonach
Dostojewski zu dieser Zeit sogar ein ausschweifendes und .
perverses Sexualleben führen mochte. Nach seinem ersten
grossen Erfolge schreibt er z. B. einigemale in sehr rosiger
Stimmung an seinen Bruder. In der Randbemerkung eines
aus dieser Zeit stammenden Briefes ohne Datum, schreibt
er: „All die Minchen, Klärchen, Mariannen und dergl.
sind so schön geworden, wie nur denkbar, kosten aber
fürchterliches Geld. Turgenieff und Bielinski haben mich
wegen meines unordentlichen Lebens ausgescholten." . . .
Am 1. Feber 1846 schreibt er wieder an denselben: „Ich
habe auch sonst eine Menge Geld verdient, so daß ich in
kurzer Zeit mehr als dreitausend Rubel verlebt habe. Ich
lebe eben sehr unordentlich, das ist die Sache" und setzt
dann in einer Nachschrift verzweifelt hinzu: „Ich bin so
liederlich, daß ich gar nicht mehr ordentlich leben kann,
ich befürchte den Typhus, oder ein Fieber. Meine Nerven
sind krank." Und wenn uns der ehrfurchtsvolle und ein
wenig beschränkte Biograph Orest Miller auch immer
wieder versichert, daß sich diese Liederlichkeit und Un-
ordnung nur auf pekuniäre Dinge bezieht, paßt die Ver-
zweiflung und Hypochondrie doch sehr wenig zu dieser
Auffassung.
Eine ähnliche Selbstanklage hört übrigens Mereschkowski
aus der Beichte des Helden der „Memoiren aus dem Mause-
loche" heraus, den der Dichter also reden läßt: „Zeitweise
verfiel ich einer dunklen, ekelhaften, nicht Lasterhaftigkeit,
sondern Geilheit. Meine schmutzigen Leidenschaften waren
heftig brennend, infolge ständiger krankhafter Erregung.-
Es waren hysterische Anfälle mit Tränen und Krämpfen."
Dostojewski 2 q
(Hysterische Anfälle von ungemeiner Heftigkeit hatte Dosto-
jewski zu dieser Zeit tatsächlich.) „Ein tiefes Weh überkam
mich, ein hysterischer Durst nach Widersprüchen und
Kontrasten." (Der Wunsch nach dem Ausleben der heftig
drängenden perversen Triebe, und nach Rückgängigmachung
der Verdrängungen und Sublimierungen, können wir an-
nehmen) — „und ich gab mich den gemeinsten Aus-
schweifungen hin. Ich befriedigte meine Triebe im Ver-
borgenen, nachts, heimlich und furchtsam mit einem
brennenden Schamgefühl, das mich auch in den aller-
ekelhaftesten Augenblicken nicht verließ, um in solchen
Momenten bis zur Selbstverfluchung anzuwachsen."
Wir werden Mereschkowski unbedingt Recht geben,
wenn er behauptet, daß diese Zeilen Beichten, Selbst-
anklagen und Selbstgeißelungen in poetischer Form sind,
und stehen nun vor dem Rätsel, daß der Dichter von
Nahestehenden bald für asexuell, bald für pervers und aus-
schweifend gehalten wird, — und beides wahr zu sein
scheint. Die Psychoanalyse aber kann die Abstinenz, ja
absolute Impotenz der Jünglings- und Mannesjahre mit
der überstarken sexuellen Begierde sehr wohl in Einklang
bringen. In den „Beiträgen zur Psychologie des Liebeslebens"
schreibt Freud, als ob er eben unseren Dichter vor Augen
gehabt hätte, daß bei dem inzestuös Gebundenen die zwei
Strömungen des Liebeslebens, die zusammen ein normales
Liebesleben ausmachen, die sinnliche und zärtliche Strö-
mung nicht zusammengeflossen seien, nachdem das Maß
der Anziehung des infantilen Liebesobjektes so groß ist,
daß die zärtliche Strömung dauernd an dasselbe gefesselt
bleibt. Die Sexualbetätigung solcher Personen muß der
Jolan Neufeld
zärtlichen Strömung ausweichen, und es findet eine Be-
schränkung der Objektwahl statt. Die aktiv gebliebene
sinnliche Strömung sucht nach Objekten, die nicht an die
verpönten inzestuösen Personen mahnen. Das Liebesleben
solcher Menschen bleibt in zwei Richtungen gespalten, die
von der Kunst als himmlische und irdische Liebe perso-
nifiziert werden. Wo sie lieben, begehren sie nicht, und
wo sie begehren, dort können sie nicht lieben. y
Nichts könnte das sexuelle Fühlen Dostojewskis besser
charakterisieren, wie diese klassische Schilderung der psy-
chischen Impotenz. Es wird im Leben des Dichters eine
Periode gegeben haben, und auf diese bezieht sich wohl
die erwähnte Hänselei der Freunde, wo er absolut impotent
gewesen sein mag. Die unbewußte Fixierung an die Mutter
muß so mächtig, die Verdrängung der inzestuösen Wünsche
so vollständig gewesen sein, daß sich kein Ausweg in die
Realität fand, und es zur Bildung von hysterischen Symp-
tomen, wie die Furcht vor dem Lebendbegrabenwerden,
kam. Zu einem späteren Zeitpunkte kamen die Klärchen,
Minchen und Mariannen an die Reihe, die er begehren
konnte, ohne zu lieben. Dies wissen wir jedoch nicht
genau, wenngleich wir uns auf das Zeugnis von Aimee
Dostojewski und den Dichter selbst berufen können. Sicher
aber ist eines. Nie begegneten einander in der Poesie
Dostojewskis die beiden Arten der Liebe. Er kennt entweder
die ganz erdfremde, keusche, der schrankenlosesten Selbst-
aufopferung fähige Liebe, ein Preisgeben jeder egoistischen
sexuellen Regung, wie Djewuschin in den „Armen Leuten' ,
wie der Cherum Aljoscha Karamasow, Fürst Myschkin im'
„Idioten", oder im Gegenteil die brunsttolle Bestie im
Dostojewski
Menschen, mit allen perversen, undomestizierten, brutalen
Trieben, „die Schweine", wie er sie zu nennen pflegt,
wie Swidrigailow in Schuld und Sühne, der alte Fjodor
Karamasow, oder Stawrogin in den Dämonen. Diese
niedrigsten Ausschweifungen und Perversionen schildert er
mit einer solchen Kraft und Kühnheit, mit einer solchen
Anschaulichkeit, daß selbst Mereschkowski, dem die psycho-
analytische Anschauungsweise vollkommen fern steht, sich
zweifelnd fragt: „Hat er dies alles wirklich nur durch
äußere Wahrnehmung, durch Beobachtung anderer Menschen
erfahren? Selbstverständlich muß man hier vieles auf die
Rechnung des Hellesehens des Genies schreiben. Vieles,
aber ob auch Alles? Hier ist etwas, was die Grenze der
Kunst übersteigt, es ist zu lebendig." „Bemerkenswert ist,"
sagt Mereschkowski an anderer Stelle, „auch die Tatsache,
daß derartige Gestalten in seiner Phantasie überhaupt auf-
tauchen konnten, das Interesse, das Dostojewski der Schän-
dung eines kleinen Mädchens, oder dem Liebesabenteuer
des Fjodor Karamasow mit der übelriechenden Lisaweta
entgegenbrachte. "
Wir können den Bedenken des feinen Psychologen nur
beistimmen und seine allzu zaghafte Frage, auf die Ergeb-
nisse der Psychoanalyse gestützt, dahin beantworten, daß
der Dichter garnichts anderes kann, als seine eigenen
unbewußten Konflikte darzustellen, und wenn Dostojewski
die erdenfremde Heiligkeit seiner Helden, und die tiefsten
Abgründe der Wollust seiner Antihelden schildert, gewährt
er uns Einblick in sein eigenes disharmonisches Seelenleben,
in sein Unbewußtes, welches von wilden Trieben, starker
Verdrängung und grandiosen Sublimierungsversuchen, die
Jolan Neufeld
J
doch zum Teil immer wieder rückgängig gemacht werden,
hin- und hergerissen wird.
Unbewußte, und eben deshalb vollkommene Fixierung
an die Mutter charakterisiert das psychosexuelle Leben
Dostojewskis zur Zeit der Pubertät, und in den ersten
Zwanziger jahren. Die Asexualität des Helden der „Armen
Leute" und die paranoisch gefärbte Erotomanie des Herrn
Goljädkin, im „Doppelgänger", werfen ein scharfes Licht
auf die Einstellung des Dichters zum Problem der Liebe.
Doch nicht nur die inzestuöse Bindung an die Mutter
steht dem Ausleben der Sexualität im Wege, sondern
auch die Fixierung an die väterliche Autorität, welche das
Verbot des Inzestes und in weitester Fassung jeder sexuellen
Betätigung überhaupt besonders scharf machte, die nor-
male Libido überhaupt nicht aufkommen ließ, und auf
Regressionswege zur Perversion, zur „lasterhaften Geilheit"
drängte. Die väterliche Autorität, die so dem Ausleben des
Liebesbedürfnisses im Wege stand, muß die bereits be-
stehende ambivalente Einstellung dem Vater gegenüber
zum brennenden Hasse im Jüngling geschürt haben, denn
dieser Haß ist es, der sich in der Teilnahme an der
Petraschefsky-Affaire entlädt, die uns sonst vollkommen
unverständlich erscheinen müßte. Wer nur je eine Seite
eines Dostojewskischen Romanes gelesen hat, der wird ihn
zumindest konservativ nennen müssen. Religion, Zar und
Vaterland sind ihm hehre, unantastbare Ideale. Als be-
geisterter Slawophile ist er jedem Umsturz abhold. Eine
leichtfertige Bemerkung über die Religion konnte in ihm
jenen unbändigen Haß erwecken, der immer wieder her-
vorbricht, wenn er auf seinen einstigen Gönner, den be-
Dostojewski 2,7.
deutendsten russischen Kritiker Bjelinski zu sprechen kommt,
dem er doch seinen ersten großen literarischen Erfolg ver-
dankt, und den er dennoch die schmachvollste Erscheinung
des russischen Lebens nennt, bloß wegen seiner Frei-
geistigkeit. Der Materialismus ist ihm ein Greuel. Dem
Sozialismus steht er seiner ganzen Persönlichkeit nach
feindlich gegenüber. Er predigt ja ununterbrochen den
Heroismus der Sklaverei, er verkündet, daß unter den
Russen der Gottmensch erscheinen wird, um die Welt,
die durch den Sozialismus entartet in Tränen und Blut
gebadet ist, wieder zu erlösen. Die andere Backe hinhalten,
wenn man auf die Rechte geschlagen wird, den Nächsten
mehr lieben, als sich selbst, „bis zur brennenden Leiden-
schaft" — wie er selbst sagt, — das ist es, was er von den
Menschen fordert, und nicht Selbsthilfe. Nichts hält er
für ein so schreckliches Unglück für Rußland, als wenn das
Zarentum aufhörte zu sein. Es ist ohne analytische Einsicht
schlechterdings unverständlich, was ein so veranlagter Mensch
in einer Verschwörung zu suchen hatte, welche die Ab-
schaffung der Autokratie, Freiheit, Gleichheit und Brüder-
lichkeit, also Ideen, die Dostojewski in den Tod zuwider
waren, bezweckte. Nur der Vaterkomplex erklärt sein Ver-
halten, denn im Unbewußten bedeuten Vater und Zar
(Kaiser) dieselbe Person, wie uns dies aus zahlreichen
Träumen gesunder und neurotischer Individuen, aus Mythen
und Märchen, geläufig ist. Hinter dem Tyrannen, den
Dostojewski um der Freiheit willen aus dem Wege räumen
will, steckt der gehaßte Vater, der den inzestuösen Wünschen
des Sohnes im Wege steht, und daher fortgeschafft werden
soll. Der unbewußte Gedankengang, daß Vater und Zar
24 Jolan Neufeld
dieselbe Person bedeuten, war Dostojewski besonders nahe-
liegend, nennen doch die Russen ihren Zaren „Väterchen"
und war ja dieser Despot noch vor Kurzem mit der ganzen
Machtvollkommenheit des Vaters in einer patriarchalischen
Gesellschaftsordnung ausgestattet ; Dostojewskis Vater aber
war, wie wir bereits erwähnten, ein strenger und mit
großer Machtvollkommenheit ausgestatteter Herrscher seiner
Familie. Der Anschlag auf das Leben des Zaren ist also
der Vatermord, zu welchem den Dichter einerseits die
inzestuöse Bindung, anderseits der große Druck, den der
väterliche Geiz zeitlebens ausübte, unbewußt drängt.
Die erschütterndsten Seiten seines größten Romanes,
„Brüder Karamasow" beweisen diese Annahme vollgiltig.
Vor allem die Stoffwahl. Ein alter, trunksüchtiger, aus-
schweifender Vater, dessen Geiz den Söhnen das Leben
verbittert, und der dazu der gehaßte und gefürchtete
Nebenbuhler seines Sohnes ist, wird von einem seiner
Söhne getötet, während jedoch auch die übrigen drei den
väterlichen Tod nicht nur wünschen, sondern auch her-
beizuführen trachten. Also eine vollkommene Analogie
mit der Situation, die wir bei unserem Dichter nach em-
pfangener Todesnachricht annehmen. Interessant ist, daß
Dostojewski drei Brüder besaß, und im Romane der Kara-
masows ebenfalls vier Brüder nach dem Leben des Vaters
trachten. Einen anderen interessanten Beweis bildet der
Umstand, daß Dostojewski zeitlebens nach epileptischen
Anfällen an Gewissensbissen litt, die Vorwürfen ent-
stammten, als hätte er jemanden ermordet. Über den eigent-
lichen Mörder des Fjodor Karamasow legt der Dichter
dem Staatsanwalt, der an das Verbrechen Smerdjakows
Dostojewski
25
keinesfalls glauben will, folgende Rede in den Mund:
„Die an starker Fallsucht Leidenden sind nach Ansicht
der größten Psychiater zu einer ständigen und selbstver-
ständlich krankhaften Selbstbeschuldigung geneigt. Sie
quälen ihre Seele mit irgend einer Schuld, leiden an Ge-
wissensbissen oft ohne Grund, übertreiben in vielen Dingen,
und ersinnen sogar verschiedene Verbrechen, die sie nie-
mals begangen haben." Aber der Staatsanwalt ist im Irr-
tume, denn Smerdjakow ersinnt diese Selbstbeschuldigung
nicht, er ist ja tatsächlich der Mörder, es ist also, als ob
der Dichter zu seinen Gewissensbissen die Tat, der die-
selben gelten, hinzuphantasiert hätte. Dostojewskis guter
Freund, der Kritiker Strachoff erzählt hierüber, daß „der
Gemütszustand des Dichters nach einem epileptischen An-
falle ein sehr bedrückter war, er konnte seinen Kummer
und eine gewisse gesteigerte Sensibilität kaum überwinden.
Das Wesen dieses Kummers bestand nach seinen eigenen
Worten darin, daß er sich als Verbrecher empfand, und
den Wahn nicht abschütteln konnte, eine unbekannte
Schuld,: ein ungeheueres Verbrechen laste auf ihm."
Demgegenüber behauptet die Psychoanalyse, daß die
Gewissensbisse des Neürotikers nie eigentlich unbegründet
sind, sie erscheinen bloß so, weil der triftige Grund dem
Bewußtsein entzogen im Unbewußten lebt. Natürlich sind
in vielen Fällen diese Gewissensskrupel nur durch das
Vergrößerungsglas des neurotischen Gewissens betrachtet,
berechtigt, wo das Gesetz von der Vollgiltigkeit der psy-
chischen Realität in Anwendung kommt. Für die Psycho-
analyse aber bedeutet die Tatsache, daß Dostojewski den
Vatermörder an Epilepsie leiden läßt, an welcher Krankheit
26 Jolan Neufeld
er selbst litt, sowie, daß dem Dichter und der von ihm
erfundenen Gestalt die Gewissenspein gemeinsam ist, einer-
seits die Identität des Dichters mit Smerdjakow, anderseits,
daß die Gewissensbisse Dostojewskis nach einem Anfalle
unbewußten Mordgedanken entstammen.
Wahrscheinlich hat Dostojewski Recht, wenn er zwischen
epileptischen Anfällen und Gewissensskrupeln eine Kausal-
verbindung zu finden wähnt, dies hängt jedoch wohl damit
zusammen, daß im postepileptischen Dämmerzustande daö
Unbewußte sich vernehmbarer äußert, der Druck der
Zensur weniger intensiv ist, und darum das Gewissen als
verdrängende Instanz sich ebenfalls hörbarer äußern muß.
Ob der aus dem Ödipuskomplex stammende Mord-
impuls gegen den Vater nur im Unbewußten des Dichters
lebte, und sich nur anläßlich epileptischer Anfälle regte?
Wer könnte diese Frage mit Bestimmtheit beantworten?
Interessant ist jedoch, daß der Dichter Iwan Karamasow
vor Gericht den Ausruf in den Mund legt: „Wer von
uns ist es, der seinen Vater nicht hätte ermorden wollen!"
Was aus der üblichen Verallgemeinerung ins Spezielle
übersetzt lauten würde: „Ich wollte meinen Vater töten."
Der Roman der Karamasows bietet für die Annahme des
Mordimpulses gegen den Vater noch weitere Stützpunkte.
Aus analytischen Forschungen ist es uns wohl bekannt,
daß der Dichter eigentlich die miteinander ringenden
Strebungen seines Unbewußten in den Geschöpfen seiner
Phantasie zur Darstellung bringt, und so sind die vier
Brüder, die den Tod des Vaters herbeisehnen, (übrigens
auch der Vater, wie wir später zeigen werden), Abspal-
tungen des Charakters Dostojewskis. Auch bewußt wollte
der Dichter sich selbst in den vier Brüdern schildern,
was sehr wohl erkennbar ist, und auch von seiner Tochter
wahrgenommen wurde.
Mitja, der Enthusiast, der schuldig-unschuldige Mörder,
gleicht Dostojewski in vielen Stücken. Er ist Soldat, wie
es der Dichter zur Zeit des Todes seines Vaters war, ist
großmütig und erregbar, Eigenschaften, die der Dichter
sich selbst zuschreibt. Er hat an seinen Vater zwei For-
derungen zu stellen, er verlangt Geld, das ihm unge-
rechterweise vorenthalten wird, wie dem Dichter selbst,
und die Einziggeliebte, d. h. in der Sprache des Unbe-
wußten die Mutter. Die Identität des Dichters mit dem
Vatermörder geht schon aus diesen Dingen hervor. Ein
weiterer gemeinsamer Zug ist die Verschwendungssucht.
Mitja wird als Mensch charakterisiert, der mit Geld absolut
nicht umzugehen weiß, dieselbe Eigenschaft aber wird
unserem Dichter nachgesagt. Aimee Dostojewski erzählt, daß
ihr Vater ungemein verschwenderisch war, man nannte ihn
den Henker des Geldes. In Familien- und Freundeskreisen
sind viele Anekdoten über seine Verschwendungssucht er-
halten. Besonders liebte es der Dichter, Delikatessen für den
Nachtisch einzukaufen, und gab bei dieser Gelegenheit zur
großen Freude seines Töchterchens und zum noch weit
größeren Ärger seiner Frau bedeutende Geldsummen aus.
Plotnikow hieß der Kaufmann, bei dem er diese Einkäufe
besorgte, und denselben Namen trägt der Kaufmann, bei
dem Dimitrij eine Unmenge von Delikatessen einkauft, in
jener Nacht, als er hinging um den Vater zu ermorden,
statt dessen aber nur den alten Diener verletzte, und dann
zur Geliebten fährt, um sie dem Vater abspenstig zu machen.
28 Jolan Neufeld
Iwan Karamasow ist bewußt und unbewußt ebenfalls ein
Selbstporträt. Er ist die Verkörperung des Epikureismus, des
Unglaubens und des Materialismus, deren sich der Dichter
zur Zeit des väterlichen Todes zeiht. So wie er Iwan be-
schreibt, wollte er mit zwanzig Jahren ausgesehen haben, so
wenigstens berichtet uns Aimee Dostojewski. Den Dolch zum
Morde des alten Karamasow hat Iwan geschärft, wenn er
auch nicht selbst zustößt, und es ist keinesfalls ein Zufall,
daß Dostojewski seinen Helden am Tage des Mordes gerade
nach Tschermasnje fahren läßt, damit Smerdjakow den Mord
ungestört verüben könne, denn so hieß, wie erwähnt, das
Gut, auf welchem der alte Michail Dostojewski von seinen
Leibeigenen ermordet wurde. Ist es nicht, als ob der Dichter
damit unbewußt ausdrücken wollte: „Ich war es, der den
Vater aus Eifersucht und Habgier in Tschermasnje ermordete,
wenn ich das Messer auch nicht selbst führte."
Im Walde von Tschermasnje bekam Dostojewski, wie
bereits erwähnt, die Wolfsphobie, hier müssen ihn unbe-
wußte Mordgedanken gegen den Vater stark beschäftigt
haben. Andrej Dostojewski erwähnt, daß der Dichter hier
besonders gerne hauste, befreit vom lästigen Zwange des
Lernens und der väterlichen Autorität. Oft legte der zehn-
jährige Knabe den Weg von Darowoje nach Tschermasnje
allein zurück, um einen Auftrag seiner Mütter auszuführen
oder zu überbringen. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß
seine schon damals überwuchernde Phantasie ihm das Bild
vorgaukelte, daß es schön wäre, wenn es immer so bliebe
wie im Sommer, wenn der Vater stets abwesend (tot) wäre,
und er allein mit der Mutter, als ihr Helfer und ihre
Stütze (Gatte) zusammenleben könnte.
Dostojewski 29
Smerdjakows Identität mit dem Dichter beweist außer
den Gewissensbissen auch die Epilepsie, die Dostojewski
ihm andichtet. Während Smerdjakow so die niedrigsten
Instinkte des Dichters, gleichsam sein Unbewußtes, personi-
fiziert, stellt Aljoscha die bewußten ethischen Strebungen
der ringenden Seele dar. In ihm zeichnet er den Menschen,
der erlöst und Erlösung findet, wie auch der Dichter
durch die Schaffung dieser Gestalt die eigene Erlösung
von den Ungeheuern seines Unbewußten anstrebt. Trotz-
dem ist auch Aljoscha ein Karamasow, auch in seinem
Blute wühlt das Insekt der Wollust, und was besonders
bedeutsam ist — auch er kennt den Impuls des Vatermordes.
Der große Roman des Vatermordes blieb unbeendet.
Der Dichter gibt uns eigentlich nur die Einleitung, den
Vaterkomplex selbst, bleibt uns aber mit dem zweiten
Teile, in welchem die Brüder den Komplex zu überwinden
lernen, schuldig, weil er diese Arbeit eben selbst nie leisten
konnte. Die Frage bleibt eigentlich offen, ob Mitjas Cha-
rakter dauernd verändert bleiben wird, ob er stark genug
sein wird, das Kreuz auf sich zu nehmen, auch Iwan soll
ein Anderer werden, wenn er .sich vom Krankenlager er-
hebt, auf welches ihn sein Mordwunsch hingeworfen hat,
die Veränderung selbst aber beschreibt der Dichter nicht.
Und selbst Aljoscha der Heilige muß dem Befehle des
weisen Sossima gemäß noch jahrelang in der Welt leben,
d. h. mit seinem Ödipuskomplex weiterkämpfen, ehe er
denselben endgiltig überwinden lernt.
Auch Aimee Dostojewski bemerkt einzelne gemeinsame
Züge zwischen den Geschöpfen der Phantasie des Dichters
und seinem Charakter, nur ist ihr der Grund hiefür
)_
5° Jolan Neufeld
unbekannt, da sie von den unbewußten Determinanten des
dichterischen Schaffens nichts weiß. Unter anderem lenkt
sie unsere Aufmerksamkeit auf die identischen Züge Dosto-
jewskis mit den erdichteten Eigenschaften des alten Fjodor
Karamasow. Nachdem sie feststellt, daß der Alte ein ziem-
lich getreues Porträt des alten Michail Dostojewski ist,
jedoch auch Charakterzüge aufweist, die ihr Großvater
nicht besaß, meint sie: „Interessant ist auch, daß mein
Vater dem alten Karamasow seinen eigenen Namen 'ver-
leiht." Die Psychoanalyse, die an der strengen Determination
jedes psychischen Geschehens festhält, wird dies ebenfalls
sicherlich für keinen Zufall halten, wie ja übrigens die
Tatsache, daß der Name eines Menschen etwas Wichtiges
bedeutet, auch dem Nichtanalytiker geläufig ist. So weist
z. B. Goethe seinen Freund Herder scharf zurecht, weil
dieser sich auf den Namen Goethes ein nicht sehr ge-
schmackvolles Wortspiel erlaubt, und auch der Volksglaube
weiß davon, daß man einen Mondsüchtigen nicht beim
Namen anrufen darf. Daß wilde Völker den Namen für
etwas besonderes halten, ist uns aus zahlreichen Beispielen
ebenfalls bekannt. Daß also der alte Karamasow den Namen
des Dichters trägt, welchen Taufnamen nach russischer
. Sitte alle vier Söhne ebenfalls tragen, bedeutet soviel, als
daß der alte Karamasow nur bewußt ein Porträt von
Dostojewskis Vater ist, unbewußt aber auch den Dichter
selbst bedeutet. Sind die hervorstechendsten Charakterzüge
Fjodor Karamasows, wie Geiz, Trunksucht, dem väterlichen
Charakter entnommen, wissen die Biographen nichts von
einem ausschweifenden Lebenswandel des Vaters unseres
Dichters, ja Aimee Dostojewski bemerkt dazu direkt, daß
Dostojewski 5 1
dies kein treues Porträt ihres Großvaters sei, da er ein
treuer Gatte und guter Vater gewesen sei. Was bedeutet
also dieser auffällige Charakterzug Fjodor Karamasows?
Dieser ist, wie jedes psychische Geschehen, üherdeterminiert,
es ist anzunehmen, daß der infantil verbliebene Neurotiker
das eheliche Leben des Vaters als Unzucht auffaßt, wichtiger
aber ist, daß sich der Dichter selbst des Fehlers der „laster-
haften Geilheit" zeiht, also in jenem „Fjodor" eigentlich
sich selbst portraitiert. Daß übrigens Dostojewski den elter-
lichen Verkehr tatsächlich als Unzucht auffaßte, beweist, daß
die meisten seiner Frauengestalten, auch solche, die augen-
scheinlich Mutterimagines sind, wie Sonja in Raskolnikow,
Mastascha in den Beleidigten und Erniedrigten, die Heldin
der „Armen Leute", die Mutter des Arkadij Markarowitsch im
„Jüngling" alle entweder Prostituierte oder Gefallene sind.
Der große Roman der Karamasows beschäftigte Dosto-
jewski jahrzehntelang. Unvollendete Romane enthalten Teile,
die diesem seinem Schwanengesang einverleibt wurden, aus
Briefen, die er aus seinem viele Jahre lang dauernden
letzten Auslandsaufenthalte schrieb, klingt uns immer wieder
diese ,Melodie entgegen, d. h. der Mordimpuls gegen den
Vater beschäftigte das Unbewußte und die Phantasie Dosto-
jewskis sein ganzes Leben hindurch. Vor der Petraschewski-
Affäre erkennen wir den unbewußten Mordwunsch aus
den erwähnten neurotischen Symptomen, nach der Ver-
haftung, und während der ein Jahrzehnt datiernden Straf-
zeit an seinem ganzen Verhalten, nach verbüßter Strafe
an jeder Zeile, die er schrieb. Es ist, als ob das ganze
Leben des Dichters mit dem Kampfe gegen diesen einen,
übermächtigen Trieb vollkommen ausgefüllt gewesen wäre.
32
Jolan Neufeld
Das unendliche Schuldbewußtsein empfand die Ver-
haftung direkt als Erleichterung, nur dies kann das sonst
unerklärliche Verhalten des Dichters während dieser Zeit
erklären. Seine Frau schrieb seine Aussage in ihr Tagebuch,
daß er irrsinnig geworden wäre, hätte ihn die Verhaftung
davor nicht behütet. Aimee Dostojewski erzählt, daß ihr
Vater einige Jahre vor der Verhaftung an schweren hyste-
rischen Symptomen krankte. Er mied jede Gesellschaft,
irrte tagelang allein auf den Straßen umher, sprach laut
mit sich selber, und konnte kaum mehr arbeiten. Über
die übrigen neurotischen Symptome, die Furcht vor dem
Lebendbegrabenwerden, die Hypochondrie, die Schlaflosigkeit,
und die gehäuften hystero -epileptischen Anfälle, sprachen
wir bereits. Im Augenblicke der Verhaftung verschwinden
all diese Symptome wie mit einem einzigen Schlage. Er
wird vollkommen ruhig, klagt fast nur über Hämorrhoiden
und wird psychisch völlig normal, wo kräftige und ganz
geistesgesunde Kameraden schwere psychische Störungen
davontrugen. In der Novelle: „Der kleine Held", welche
er während seiner Untersuchungshaft in den Kasematten
der Peter -Paul -Festung schrieb, ist soviel Lebensfreude
und Sonnenschein, als ob sie an einem lachenden Maitage
unter blühenden Bäumen auf grünem Rasen geschrieben
worden wäre, und nicht im feuchten Kerker, wohin den
ganzen Sommer über kein Sonnenstrahl leuchtete.
Wohl soll er vom Todesurteile, das so theatralisch
inszeniert wurde, einen Choc fürs Leben davongetragen
haben, aber eigentlich ist außer einigen Reflexionen im
„Idioten" darüber nicht viel zu bemerken. Als er nach vier
Jahren Zuchthaus seinem Bruder über die Erlebnisse dieser
Dostojewski 33
schrecklichen Epoche berichtet, kommt er auf jenen Weih-
nachtsabend zu sprechen, an welchem er in Ketten gelegt
wurde, die er vier Jahre nicht ablegen durfte. Er schreibt:
„Weißt Du noch, mein Teurer, wie wir uns getrennt
haben? Gerade um Mitternacht wurden mir am Weihnachts-
abend zum ersten Male Fesseln angelegt. . . . Da man ge-
wöhnlich vor jedem neuen Lebensabschnitt eine besondere
Lebendigkeit und Rüstigkeit empfindet, so war ich im
Grunde durchaus ruhig." Dann erzählt er ausführlich von
der angenehmen Fahrt im Schlitten und dem ausgezeich-
neten Appetit, dessen er sich unterwegs erfreute. Ein
Freund der beiden Brüder Dostojewski, der ihn mit Michail
Dostojewski an diesem Weihnachtsabende besuchte, schreibt
über das Verhalten des Dichters: „Man hatte den Eindruck,
als ob dieser Mensch die ihm bevorstehende Zuchthaus-
strafe, (von der er eine Kostprobe bereits in den Kasematten
der Peter-Paul-Festung bekommen hatte) wie eine Ver-
gnügungsreise ins Ausland behandelte." In seinem oben
zitierten ersten Briefe schreibt er seinem Bruder Michail:
„Wenn Du glaubst, daß ich noch immer hypochondrisch,
reizbar und mißtrauisch bin, so bist Du im Irrtum, nicht
eine Spur ist mir davon geblieben." Aimee Dostojewski er-
zählt viel darüber, daß der Dichter in Familien- und
Freundeskreisen oft erwähnte, daß er die Zuchthaus-
arbeiten als Gymnastik betrachtete, die geeignet dazu sei,
ihn körperlich zu kräftigen und daß er gerne Alabaster zer-
stampfte, Bäume fällte, Holz trug, Ziegel schleppte, daß
dies seiner schwächlichen Gesundheit von großem Nutzen
war. Wenn aber Dostojewski die Qualen der Einzelhaft in
der Festung, bei unendlichen Entbehrungen und Strapazen,
Neufeld: Dostojewski 5
34 Jolan Neufeld
den ekelhaften Schmutz des Zuchthauses nicht nur ertrug,
sondern an Leib und Seele gekräftigt aus dieser Hölle
hervorging, wo andere blühende Menschen, wie z. B. der
mit ihm verurteilte Edelmann Durow, gleich einer Kerze
verlöschten, so ist das nur damit erklärlich, daß er im
Zuchthause die unbewußten Mordgedanken unbewußt sühnt,
daher all diese Entbehrungen, Leiden und Strapazen mit
einem hohen Lustgefühle einhergehen.
Die Familie Dostojewskis weiß nach der Erzählung des
jüngeren Bruders, Andrej Dostojewskis, eigentümlicherweise
von einer Prophezeihung des alten Michail Dostojewski,
daß der Dichter ins Zuchthaus kommen werde. Er soll,
wenn der junge Dostojewski wie ein Feuerbrand im väter-
lichen Hause herumgewirbelt war, und gar zu freie An-
sichten verfocht, oft gerufen haben: Ei, ei, Fedja, gib acht,
daß dir die rote Mütze, (das Abzeichen der sibirischen
Strafkompagnien) nicht auf den Kopf gesetzt wird. Wie
so viele Pröphezeihungen, mag ja vielleicht auch diese,
eine nachträgliche sein, sollte sie aber auf Wahrheit be-
ruhen, was bei der Einfachheit und Lauterkeit des Charakters
Andrej Dostojewskis wahrscheinlich erscheint, so mag sie
dem Sühnebedürfnisse des Sohnes nicht wenig Nahrung
gegeben haben. Jedenfalls ist an dieser Prophezeihung
interessant, daß sie die Zuchthausstrafe mit der Auflehnung
gegen den Vater, (allzufreie, revolutionäre Ansichten) in
Verbindung bringt.
Das große Sühnebedürfnis geht auch daraus hervor,
wie er sein Vergehen selbst auffaßte. Als er nach einem
Jahrzehnt endlich nach Europa zurückkommen durfte,
wurde im Freundeskreise oft über die unmenschliche Strenge
Dostojewski gg
dieser Strafe, und über die Unschuld des Dichters gesprochen,
ja einer seiner Freunde verfaßte sogar ein Gedicht auf
seine unverdienten Leiden. Dostojewski aber meinte bei
dieser Gelegenheit: „Nein, die Strafe war verdient, denn
ich habe gegen die Regierung böse Absichten gehabt."
Ein anderesmal motiviert er seine Meinung damit, daß
derjenige, der dem russischen Volke den Zaren wegnehmen
will, nicht hart genug bestraft werden kann. Damit rationa-
lisiert er aber bloß sein aus dem Ödipuskomplex entstam-
mendes Schuldbewußtsein, und auch durch diese Motivierung
schimmert noch der unbewußte Gedankengang hindurch,
daß der Mord, den man am Zaren verübt, als Vatermord
gewertet werden müsse. Daß Dostojewski sich tatsächlich
als Vatermörder betrachtete, und sich eigentlich nie für einen
politischen Verbrecher hielt, geht auch aus seinem berühmten
Zuchthausromane „Aufzeichnungen aus einem toten Hause"
hervor. Der Roman ist in Ichform geschrieben, und die
Hauptperson ist ein offenkundiges Selbstporträt. Die Tat
aber, wegen welcher der Held ins Zuchthaus gerät, ist der
Mord aus Eifersucht, was wir keinesfalls als bloßen Zufall
betrachten werden. Aber während des ganzen Romanes
spricht der Dichter von sich immer wieder nur als Mörder
und Verbrecher.
Mit der Verdrängung der Haßgefühle gegen den Vater
geht die Wandlung seiner ganzen Gefühlswelt Hand in
Hand. So kommt es, daß der Revolutionär, der den Zaren
töten wollte, zur Krönung Alexanders IL eine Lobes-
hymne dichtet, bei jeder Gelegenheit seine Liebe und
Ergebenheit der Zarenfamilie gegenüber bekundet, wobei
sein Gebaren vollkommen aufrichtig, ohne eine Spur von
3*
! :
36
Jolan Neufeld
Servilismus ist. Und das nach Jahren des Zuchthauslebens,
wo er tausende und tausende von Greuelszenen mit eigenen
Augen sah, und nach einer glaubhaften Überlieferung sogar
selbst gezüchtigt worden ist, jedenfalls aber alle Schrecken
des Zarentums am eigenen Leibe zu fühlen bekam. Zweifellos
ist dies nur aus seinem im Ödipuskomplex wurzelnden
Sühneverlangen erklärlich, beweist jedoch zugleich seine
algolagnische Disposition.
Keinen Ton der Empörung kann man selbst zwischen
den Zeilen lesen, wenn er über die tausend und tausend
Rutenhiebe erzählt, welche wegen der geringfügigsten
Vergehen den Rücken der unglücklichen Züchtlinge zer-
fleischen. Die scheußlichsten Greueltaten der tierischen
Vorgesetzten erzählt er mit einer epischen Breite, man
könnte fast sagen, mit einem Behagen, daß der Leser
davon ganz krank wird. Er schildert seine Empfindungen,
als er einen Sträfling nach einer solchen Exekution be-
trachtet. „Ich war in einer unbeschreiblichen Aufregung"
versichert er immer wieder, und wir fühlen uns ver-
anlaßt hinzuzufügen, daß es wohl eine sexuelle Erregung
war, mit welcher er den Gezüchtigten betrachtete. Er
läßt sich immer wieder die Wunden zeigen, und kann
nicht aufhören, nach dem Schmerze zu fragen. Die lako-
nische Antwort der Gepeinigten, „es brennt, es brennt, wie
höllisches Feuer", befriedigt ihn offensichtlich nicht, und er ist
sozusagen fasziniert von der Prügelstrafe. Ein Gemisch von
Sadismus und Masochismus ist unverkennbar, wenn er z. B.
von jenem bestialischen Vorgesetzten erzählt, der im Sträf-
linge erst Hoffnung auf Straferlaß, oder wenigstens Mil-
derung der Strafe erweckt, um dann über den aus allen
Dostojewski 57
Himmeln der süßesten Hoffnung Gefallenen wie toll zu
lachen, und die Soldaten zu noch unbarmherzigeren Hieben
anzuspornen.
Auch der feinfühlige Dichter Turgenieff erkannte den Sado-
Masochismus Dostojewskis. Nur ein Dichter mit solchen Nei-
gungen kann dem Untersuchungsrichter Porfir in „Schuld
und Sühne" die Geschichte jenes Bauern in den Mund
legen, der im Zuchthause einen hochstehenden Vorgesetzten
angreift, ihm absichtlich nicht das geringste Leid zufügt,
und mit diesem Angriffe nur bezweckt, hart bestraft zu
werden, um zu leiden. „Denn das Leiden ist gut", läßt
ihn der Dichter sagen, „und wenn es von Amtspersonen
kommt, und man unschuldig ist, umso besser." Diese
eigentümliche Logik aber kann wieder nur die Psycho-
analyse erklären. Vorgesetzte, Soldaten, Wächter, Polizisten
und Amtspersonen jeder Art sind Vaterimagines, und von
solchen gezüchtigt zu werden, kann der infantil verbliebene
Neurotiker mit seinem schuldbeladenen Gewissen lustvoll
empfinden. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, daß '
die Algolagnie Dostojewskis ebenfalls im Ödipuskomplex
wurzelt, der Sadismus wäre demnach die Identifizierung
mit der Machtvollkommenheit des Vaters, während der
Masochismus dem unsterblichen Schuldgefühle des inzestuös
Gebundenen enstammte.
Deutliche masochistische Züge enthalten Episoden aus
den Aufzeichnungen aus einem toten Hause. So z. B. die
Erzählung über das Osterfest im Zuchthause. Die Sträflinge
besuchen in der Karwoche die Frühmesse. Es berührt
eigentümlich, zu lesen, wenn der Dichter erzählt, daß es
ihm eigentlich angenehm war (sie!), wenn er im frühesten
5 8 Jölan Neufeld
Morgengrauen (man bedenke im Vorfrühling in Sibirien)
zur Frühmesse geführt wird, und kettenklirrend ganz unten
i stehen muß, er, der früher stets unter den Adeligen ganz
oben Platz genommen hatte. Er findet es angenehm, daß
ihn viele neugierig betrachten, einige bemitleiden, andere
sich mit Abscheu von ihm abwenden, und mitleidige
Seelen ihn sogar mit einigen Kupfermünzen beschenken.
„So sei es denn", sagt er sich und behält die Kopeke
„als Andenken seiner Schmach". Diese ganze Erzählung
wird von einem starken Schuldgefühl getragen, ein über-
starkes Schuldgefühl aber ist verankert im Ödipuskomplex,
und dieses Schwelgen in der Demütigung und im Be-
wußtsein der eigenen Schwäche und Niedrigkeit, hat eine
infantil -sexuelle Note. Sich ganz schwach und hilflos
fühlen, wie einst als Kind, ausgeliefert der Macht eines
Überstarken, diese masochistische Phantasie verbirgt sich
hinter der christlichen Demut. Daß eben die Osterfeier-
tage den Masochismus wecken, ist leicht verständlich, da
die Identifizierung mit Christus zur Osterzeit besonders
naheliegend ist. Übrigens beherrscht diese Identifizierung
ein gutes Stück seines Verhaltens und seiner Weltanschauung
überhaupt. Gottvater ist ihm zeitlebens ein erhöhter leib-
licher Vater, und in der Liebe zu Gott sublimierte er
einen guten Teil seiner homosexuellen Liebe zum Vater,
aber auch die Identifizierung der eigenen Person mit
Christus ist offenkundig, Leiden, sich beugen, dulden, darin
findet der Dichter den Sinn des Lebens, d. h. er identifi-
ziert sich mit dem leidenden Gottessohne. „Ich murre
nicht", schreibt er aus dem Zuchthause immer wieder,
„es ist mein Kreuz". Damit seine kleine erstgeborene
Dostojewski
39
Tochter am Leben bliebe, möchte er „alle Kreuzesqualen
gerne auf sich nehmen", er identifiziert sich also immer
wieder mit dem leidenden Gottessohne. Die Ambitendenz
des christlichen Mythus .war, wie für so viele andere
Neurotiker, auch seiner zwischen ambivalenten Gefühls-
regungen ewig schwankenden Seele ein Anlaß zu dieser
Identifizierung. Gottvater, der seinen Sohn am Kreuze
unschuldig des qualvollsten Todes sterben läßt, der mit
tauben Ohren die flehentliche Bitte, daß der bittere Kelch
an ihm vorübergehe, nicht hören will, gleicht dem harten
und ungerechten Vater Dostojewskis, der ihn unverdient
so viel leiden und entbehren ließ.
Die Ambitendenz der Sohneseinstellung ist auch Schuld
daran, daß das Verhalten gegen die Religion bei unserem
Dichter zeitlebens ambivalent bleibt. Wer ihn oberflächlich
liest, schwört natürlich darauf, daß er der tiefreligiöseste
Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Hat aber ein
Dichter oder Philosoph jemals stärkere Beweisgründe gegen
die Existenz Gottes und gegen die Religion überhaupt
geschmiedet, als Dostojewski? Reichen seine positiven Ge-
fühlsäußerungen auch nur annähernd an die verneinenden,
ja lästernden heran? Ja, ist denn ein Mensch, der Kyrillow
in den Dämonen, die Episode des Großinquisitors in den
Brüdern Karamasow geschaffen hat, noch überhaupt religiös
zu nennen? Wie Stawrogin an Schatow in den Dämonen,
könnten wir uns auch an den Dichter mit der Frage
wenden, ob er eigentlich an Gott glaube. Und wie die
von ihm erfundene Gestalt, müßte auch der Dichter ant-
worten: „Ich glaube an Rußland, ich glaube an seine
orthodoxe Lehre, ich glaube an Christi Körper, ich glaube,
40
Jolan Neufeld
y
daß eine neue Wiederkunft sich in Rußland vollziehen
wird, ich glaube" . . . Und da Stawrogin drängt : Aber an
Gott? An Gott? Und da antwortet Schatow mit gesenktem
Haupte und stockend: „Ich, ich werde auch an Gott
glauben." Jedenfalls hat er sich diesen Glauben unter
großen Seelenkämpfen heiß erstritten, auch war dieses so
heiß erkämpfte Gottvertrauen oft schwankend, und wenn
Dostojewski es auch nicht wahrhaben wollte, so kannte er
den Unglauben nur allzu gut. Nach verbüßter Zuchthaus-
strafe, also nachdem er die vielgerühmte Wandlung zum
Glauben bereits durchgemacht hatte, schreibt er an die
Frau eines Dekabristen, d. h. politischen Verbannten, die
ihm während seines Aufenthaltes im Ostrogg und nachher
unendlich viel Gutes getan hatte: „Ich will Ihnen von
mir sagen, daß ich ein Kind dieser Zeit bin, ein Kind
des Unglaubens und der Zweifelsucht und es wahrschein-
lich (ich weiß es gewiß) bis an mein Lebensende bleiben
werde. Wie entsetzlich quälte mich (und quält mich auch
jetzt) die Sehnsucht nach dem Glauben, die umso stärker
ist, je mehr Gegenbeweise ich habe."
Dieses Bekenntnis entstammt einem Privatbriefe im
fernen Sibirien, aber auch seine offiziellen Schriften, die
direkt Kampfschriften gegen Unglauben und Gottesleugnung
sind, enthalten solche Stellen. Er sagt z. B. im Tagebuch
eines Schriftstellers, daß die Gottesleugner sich nicht ein-
mal träumen lassen von einer solchen Gewalt der Ver-
neinung, wie er sie durchgemacht habe. Endgiltig aber
hat er die Verneinung nie erledigt, weil die immer wieder
hervorbrechenden negativen Gefühle gegen den Vater, ihn
in immer neue Empörung gegen den Gottvater, d. h. in
Dostojewski
41
Gottesleugnung und Unglauben trieben. Bis zuletzt ist
dieser Kampf nicht ausgekämpft. Trotzdem verhelfen ihm
seine religiösen Gefühle immer wieder zur Bekämpfung
seines ambivalenten Ödipuskomplexes, d. h. auch zur Subli-
mierung seiner homosexuellen Veranlagung.
Die Haßgefühle gegen den Vater wurden also als
Religiosität sublimiert, das inzestuöse Begehren aber als
Vaterlandsliebe. Insoferne diese Wünsche nämlich verdrängt
wurden, führten sie zur neurotischen Erkrankung, wie
z. B. in der Furcht vor dem Lebendigbegrabenwerden, zu
dem erwähnten „mythischen Entsetzen". Da aber diese
Zustände sich im Zuchthause besserten, müssen wir an-
nehmen, daß inzwischen ihre Sublimerung angebahnt
wurde, und zum größeren Teile auch gelang. „Ich glaube
an Rußland" — so lautet der erste Glaubenssatz Schatows,
und dies ist zugleich das Credo Dostojewskis, wie wir dies
in jeder Zeile seiner Werke entnehmen können. Er glaubt
unentwegt daran, daß sein Vaterland das erkorene Land Gottes
sei, er predigte, daß von dem Meere von Tränen und Blut,
mit welchem der Sozialismus die ganze Welt überschwem-
men werde, Rußland die Welt erlösen werde, daß es Rußland
vorbehalten sei, Europas Vorbild zu werden und einen wahr-
haft christlichen Staat zu gründen. Die Psychoanalyse aber
lehrte die unbewußten Triebregungen kennen, die der Vater-
landsliebe zu Grunde liegen. Demnach sollte die Vaterlands-
liebe eher Mutterlandsliebe genannt werden, da die Ge-
fühlsbindung des Patrioten im Verhältnis zur Mutter-Erde
wurzelt. Das Unbewußte identifiziert die Mutter, die
Pflegerin, Ernährerin und gütige Helferin mit dem Erd-
boden, der den Menschen nährt, ihm alles für das Leben
4 2 Jolan Neu feld
■*r*
Notwendige gütig spendet. Ausdrücke wie Erdenkinder,
für Mensch, Mutter Natur, Leibesfrucht für Kind usw.
bezeugen genugsam, daß es sich hier um eines der ge-
bräuchlichsten Symbole handelt.
Das Vaterland, als jenes Stück der Erde, wo man ge-
boren wird, (das uns gebiert, wie der ungarische Ausdruck
szülöföld für Heimat besagt), welches den Menschen nährt,
ihm eine Zufluchtsstätte gegen die Unbilden der Witterung
gewährt, hat ein Anrecht auf all die inzestuöse Liebe des
Mannes, welche sich dem direkten Ausleben widersetzt.
Darum lebt das Vaterland als Frau in der Phantasie aller
Völker, wie dies die Gestalten der La France, Hungaria,
Mütterchen Rußland, Germania u. s. w. bezeugen. Daß
Dostojewski dieses Symbol geläufig ist, ist aus dem bereits
erwähnten Symbol, der Furcht vor dem Lebendbegraben-
werden offenkundig. In einem Briefe an seine Nichte aus
dem Auslande schreibt er einmal, daß die Russen die im
Auslande leben, ihre Mutter (Rußland) ohrfeigen. Die Glut,
die der irdischen Mutter gegenüber strafbar wäre, kann in
der inbrünstigen Liebe zum Vaterland vorwurfsfrei und ohne
Gewissensskrupel ausgelebt werden. Slawophile, orthodox
und konservativ gesinnt zu sein, bedeutet also nicht, daß
sich Dostojewski, wie viele Menschen und auch er selbst
glaubt, durch tragische Lebensschicksale geläutert zu dieser
Weltanschauung durchgerungen hat, ebensowenig, daß er
mit politischem Scharfsinn nach den Irren und Wirren
der Jugendjahre den richtigen Weg Rußlands erkannte,
sondern, daß sein Ödipuskomplex sich in allen Relationen
seines Lebens immer wieder äußert. Die Glut, mit welcher
er seine politischen und religiösen Meinungen verficht,
Dostojewski
43
weist auf die affektive, unbewußte Wurzel derselben genug-
sam hin, jedoch verrät sich der Zusammenhang seiner
Weltanschauung mit dem Ödipuskomplex auch aus kleinen
Einzelnheiten.
So nannte sich die Gruppe jener Slawophilen, die sich
um Dostojewski und seine Zeitschrift scharte, „die Boden-
ständigen", und -weisen mit dieser Benennung auf den
Zusammenhang ihres Patriotismus und der inzestuösen Ge-
bundenheit hin. Mit seinem erbitterten Haß verfolgte
Dostojewski bis an sein Lebensende die Westler, die frei-
denkenden, oft im Ausland lebenden Russen, die er
„Skitaltzky", Entwurzelte nennt. Unbewußt haßt er in
diesen Leuten jene Glücklichen, die es über sich ver-
mochten, auf den Inzestwunsch zu verzichten, sich der
Mutter zu entfremden. Seine stetige Furcht, während
seines unfreiwilligen Aufenthaltes im Auslande, dem Vater-
lande entfremdet zu werden, wurzelt ebenfalls in diesen
unbewußten Gedenkengängen. In keinem Briefe bleibt diese
seine krankhafte Furcht unerwähnt, und wenn er seiner
Lieblingsnichte Sophie schreibt, daß im Auslande leben
für ihn viel schrecklicher ist, als die Deportation nach
Sibirien war, so ist das keine Übertreibung, sondern voll-
kommen wahr.
Eigentümlich ist es aber dabei, nnd kann wieder nur
mit der inzestuösen Gebundenheit, resp. der Verdrängung
derselben erklärt werden, daß Dostojewski diese Auslands-
reisen weit über das nötige Maß ausdehnte. Obzwar er
während des letzten mehrjährigen Aufenthaltes ganz krank
vor Sehnsucht war, will er im letzten Augenblicke noch eine
Reise nach dem gelobten Lande antreten, auch waren die
44 Jolan Neufeld
Schulden, die ihm ins Ausland trieben, wie dies der deutsche
Verleger seiner Werke richtig bemerkt, bei der Heimreise
ebensowenig beglichen, wie bei der Flucht. Und gelingt
es diese Reise noch bis zu einem gewissen Grade zu
rationalisieren, und unumgänglich notwendig erscheinen zu
lassen, so gilt dies für die übrigen Reisen schon überhaupt
nicht. Gleich beim Antritt der ersten Reise, erklärt der
Dichter, daß er „an Europa nicht glaube", daß das Aus-
land ein großer Friedhof sei, daß die Zukunft Rußland
gehöre. Und während er die im Auslande lebenden Russen
verachtet und glühend haßt, sucht er dieses Ausland fast
zwanghaft immer wieder auf. Es ist eben die unbewußte
Angst vor dem Inzestgedanken, der ihn immer wieder
von Mütterchen Rußland fliehen macht, während es die
Rückkehr des Verdrängten verursacht, daß er im Auslande
selbst die paradiesischen Gegenden kaum eines Blickes
würdigt. Alles ist ihm nicht nur höchst gleichgiltig, sondern
direkt zuwider, ihn interessiert höchstens eine Gegend, die
ihn an Petersburg erinnert.
Nicht nur der Patriotismus, die Liebe zur Heimats-
scholle entspringt des Dichters inzestuöser Gebundenheit,
sondern auch ein großer Teil seiner Religiosität hat die-
selbe Wurzel. Auch die Kirche wird von Neurotikern oft
als weibliches Symbol verwendet.*
Die große Liebe und das überwiegende Interesse Dostojewskis für die
orthodoxe Kirche wurzelt ebenfalls im Ödipuskomplex, obwohl die vielen
Heiligen der orthodoxen Kirche als Vaterimagines bei dieser Vorliebe eben-
falls eine große, doch unbewußte Rolle spielen mögen. Sossima im Romane
der Karamasows, der Priester, dem Stawrogin seine schreckliche Beichte ab-
legt, (die bis jetzt im Dostojewski-Museum verwahrt, erst vor Kurzem erschien)
sind Heilige, deren Vaterbedeutung offenkundig ist.
Dostojewski 45
Der Ödipuskomplex bringt Dostojewski also in das
Zuchthaus, und derselbe Komplex, das Sühneverlangen
macht es überhaupt möglich, daß der Dichter die Zucht-
hausstrafe nicht nur überlebte, sondern in relativ besserem
Gesundheitszustande diese Hölle verließ, als er hinkam.
Es ist schwer, sich über diese qualvollen vier Jahre ein
einigermaßen richtiges Bild zu machen. Ein Ästhet und
Kritiker Dostojewskis sagt, daß die Episode des Bades in
den Aufzeichnungen aus einem toten Hause sich würdig
an die Bilder der Danteschen Hölle anreihen könnte. Und
nicht dies ist der schrecklichste Teil dieses schrecklichen
Gemäldes. Die langen sibirischen Winternächte, während
welchen es nicht erlaubt ist ein Licht anzuzünden, Stunden
und Stunden sich schlaflos auf dem von Ungeziefer wim-
melnden harten Pritschen herumzuwerfen, in der greulichen
Ausdünstung hunderter von ungepflegter Körper, in der
verpesteten Luft und dem entsetzlichen Gestanke, den der
vor der Türe des Schlafraumes stehende Trog verbreitet,
in welchen die Züchtlinge ihre Notdurft von Sonnen-
untergang bis zum nächsten Morgen verrichten, die niemals
gewaschenen, von Schmutz und Eiter starrenden Gewänder
des Krankenhauses, es ist kaum glaublich, daß ein Mensch,
von dem, wie von unserem Dichter erzählt wird, daß er
pedantisch und reinlich war, und zum täglichen Waschen
viel Eau de Cologne verbrauchte, dieses Leben auch nur
*" eine Stunde auszuhalten vermochte. Unendlich muß sein
Schuldgefühl gewesen sein, dem solche Leiden angemessen
erschienen. Denn aus den Aufzeichnungen seiner dortigen
Vorgesetzten, unter welchen er viele Gönner hatte, geht
hervor, daß er absolut keine Erleichterung seiner Lage
wünschte. Dostojewski, wie sein früherer Freund und Mit-
verschworener Durow, wurden nämlich dem Kommandanten
des Ostroggs wärmstens empfohlen, und sowohl er, wie
auch die Seekadetten, die wegen einer Revolte gestraft,
dort den Dienst versahen, waren gewillt den beiden Edel-
leuten als politischen Gefangenen jede nur mögliche Erleich-
terung zu gewähren. Während aber Durow sich dankbar,
liebenswürdig und freimütig erwies, so daß ihn jedermann
liebgewann und förderte, stand Dostojewski mürrisch, miß-
trauisch und verschlossen seinen Gönnern gegenüber, nur
ungern nahm er Begünstigungen und Erleichterungen an,
und entfremdete sich alsbald seine Gönner. Sein Schuldgefühl
wollte eben den Kelch der Bitternisse, der Erniedrigungen
und Qualen bis zur Neige leeren. Interessant ist auch der
Haß, den er gegen Durow fühlte und überhaupt nicht
verbergen, geschweige denn bezwingen konnte. Während
all der vier Jahre sprach unser Dichter kein Wort zu
diesem gewesenen Freunde, ja in den Aufzeichnunger
erwähnt er ihn nur als „ich und der andere". Er haßt in
Durow eben sein eigenes Verbrechen, und zwar nicht nur
das eingestandene und offenkundige, die Verschwörung
gegen den Zaren, sondern jenes andere, unbewußte und
unverzeihliche, den Vatermord.
Nach vierjähriger Zuchthausstrafe werden unserem
Dichter die Fesseln zwar abgenommen, aber seine Freiheit
besteht zunächst nur darin, daß er als gemeiner Soldat
in das sibirische Linienregiment in Semipalatinsk eingereiht
wurde. Wie der Schatten eines Menschen, so folgt ihm
sein Ödipuskomplex und konstelliert sein Tun und Lassen
wie bisher. Hier findet er nämlich jene Frau, die ihn
Dostojewski 47
das Lieben zum ersten Male gelehrt haben soll. Maria
Dimitrijewna war die Gattin eines an Tuberkulose leidenden
trunksüchtigen Kameraden Dostojewskis, den er bereits aus
der Militärschule gekannt haben soll. Die allzu ehrfurchts-
vollen Biographen des Dichters, die sich scheuen, solche
Intimitäten aus seinem Leben an das Licht der Öffent-
lichkeit zu zerren, die seine menschlichen Schwächen
dokumentieren würden, diese Biographen sind Schuld daran,
daß wir von diesem für den Analytiker so interessanten Ehe-
leben sozusagen gar nichts wissen, und zum größten Teile
auf Vermutungen verwiesen sind. Baron Wrangeis Auf-
zeichnungen — mit ihm lebte Dostojewski zur Zeit dieser
Liebesleidenschaft zusammen — geben uns einige, wenn
auch spärliche Fingerzeige. Seine Tochter aus zweiter Ehe
berichtet ausführlich, aber naturgemäß nichts weniger als
objektiv über dieses seltsame Verhältnis. Zum Verständnis
desselben werden sich die autobiographischen Daten, die
der Roman „Beleidigte und Erniedrigte" enthält, als die
brauchbarsten erweisen.
Für den Psychoanalytiker wird es nicht ohne Bedeutung
sein, daß diese Frau unfrei, d. h. die Gattin eines Kameraden
ist, als sich unser Dichter in sie verliebt und daß sie
während der ganzen Zeit, vom Augenblicke ihrer Bekannt-
schaft an, keine Minute frei ist, d. h. von diesem Momente
bis zu ihrem Tode stets Grund zur Eifersucht bot. Als
der Dichter sie kennen lernt, ist sie gerade in einen anderen
Kameraden ihres Mannes verliebt, und als Gattin des Dichters
unterhält sie, nach Aussage der Tochter Dostojewskis, ein
langjähriges Verhältnis mit einem Hauslehrer. Nachdem
ihr erster Gatte an den Folgen seiner Trunksucht und der
48 Jolan Neufeld
dadurch verschlimmerten Schwindsucht starb, setzte der
Dichter charakteristischerweise alles Menschenmögliche in
Bewegung, um der Witwe die Heirat mit dem Geliebten,
d. h. mit seinem Nebenbuhler möglich zu machen. Er
bestürmt seine Verwandten und seine einflußreichen Be-
kannten, damit sie sich für seinen Nebenbuhler ver-
wenden, ihm eine gute Lebensstellung verschaffen, und
so seine Heirat mit Maria Dimitrijewna zu ermöglichen,
anderseits verzehrt er sich in der grundlosesten Eifersucht.
Als diese Heirat trotz seiner Bemühungen nicht zustande
kommt, heiratet er die Witwe, um sie vor materiellen
Schwierigkeiten zu retten.
Unschwer werden wir in dieser Liebe jene Charakter-
züge auffinden, welche Freud in den „Beiträgen zur
Psychologie des Liebeslebens" dem inzestuös Gebundenen
zuschreibt. Vor allem die Unfreiheit des Liebesobjektes.
Maria Dimitrijewna gehörte während der ganzen Zeit
ihrer Liebe und Ehe mit dem Dichter einem anderen
Manne an, zuerst dem Gatten, dann dem Nebenbuhler
und endlich dem Geliebten, keinen Augenblick aber dem
Dichter selbst. Die Liebesbedingung des „geschädigten
Dritten" sehen wir in dieser Liebesaffäre voll erfüllt.
Ebenso die Bedingung der Eifersucht, über welche Leiden-
schaft Baron Wrangel ausführlich berichtet, wie auch die
Retterphantasie. In dieses Kapitel gehört vor allem die
Mühe, die sich Dostojewski gab, dem Geliebten seiner
nachmaligen Frau zu einer Stelle zu verhelfen, auch
rettet er nicht nur die Frau, sondern auch ihren kleinen
Knaben buchstäblich vor dem Hungertode, endlich rettet
er auch den guten Namen der Maria Dimitrijewna, deren
Dostojewski
49
freies und exaltiertes Wesen der kleinen sibirischen Stadt
nicht wenig Anlaß zum Klatsch bot, wie Baron Wrangel
zu erzählen weiß, und deren Liebesverhältnis mit dem
Hauslehrer, — nach Aimee Dostojewski, — stadtbekannt
gewesen sein soll. Interessant ist^ daß Dostojewski, wie
die inzestuös Gebundenen im Allgemeinen, gegen den je-
weiligen, sozusagen rechtmäßigen Besitzer der Maria Dimitri-
jewna gar keine Eifersucht verspürte, aber bei unbedeu-
tenden Anlässen von krankhafter Eifersucht verzehrt ward.
„Wir waren beide sehr unglücklich" — erzählte der
Dichter über seine Ehe dem vertrauten Freunde Baron
Wrangel, — „aber je unglücklicher wir waren, umso
weniger konnten wir voneinander lassen, denn wir liebten
einander bis ans Ende." All diese Liebesbedingungen be-
weisen uns aber, daß diese Liebe eine inzestuöse, die
Geliebte eine Mutterimago war. In der Eifersucht durch-
lebte Dostojewski die kindliche Eifersucht gegen den
Vater, während der geschädigte Dritte den unbewußten
Triumph über diesen ewigen Konkurrenten bedeutet.
Aimee Dostojewski sagt, daß die erste Gattin ihres Vaters,
die Tochter eines Mameluken Napoleons, von glühendem
Hasse gegen den Dichter erfüllt gewesen sei. Nach der
übermittelten Familientradition heiratete sie ihn, um vor
materieller Not geschützt zu sein, machte sich jedoch aus
Dostojewski nichts, und verspottete ihn grausam mit ihrem
Liebhaber, dem schon genannten Hauslehrer, der ihr bereits
nach der Hochzeit wie ein Hündchen von Stadt zu Stadt
nachgereist sei, und als die Verbannung Dostojewskis endlich
ihr Ende erreichte, und er sich infolge besonderer Gunst
Alexanders IL in Twer, einer Stadt zwischen Moskau und
Neufelcl: Dostojewski 4
50 Jolan Neufeld
St. Petersburg niederlassen durfte, soll er ihnen auch dahin
gefolgt sein. Der Dichter soll von diesem Verhältnisse
nichts geahnt haben, obwohl er den Hauslenrer gut kannte,
ihn aber für so unbedeutend gehalten haben, daß er
an einen Betrug gar night dachte. Dem Ahnungslosen soll
seine Frau, die infolge der fortschreitenden Tuberkulose
in äußerst gereizter Stimmung war, welche Stimmung in
Verzweiflung ausartete, als die kranke und daher ihrer Reize
beraubte Frau von ihrem Geliebten verlassen wurde, selbst
die Augen geöffnet haben. Zum Äußersten getrieben,
gestand sie ihrem Manne den langjährigen Betrug mit
Hohn und Spott. Trotzdem soll Dostojewski nach diesen
Enthüllungen sein Benehmen gegen seine Frau in keiner
Weise geändert haben. Erst viel später, als ihn seine
publizistische Tätigkeit dringend nach St. Petersburg berief,
verließ er die Frau, die ihm so große Schmerzen bereitet
hatte. „Sein Herz war zerbrochen" — schreibt seine Tochter
— „aber das Pflichtgefühl gegen jene, die seinen Namen
trug, blieb unverändert. Das aber entwaffnete Maria
Dimitrijewna nicht. Sie haßte meinen Vater mit jenem
unerbittlichen Hasse, den nur Negerinnen kennen. Die
Leute, die sie pflegten, berichteten später, daß sie lange
Stunden unbeweglich in schmerzliche Betrachtungen ver-
sunken im Lehnsessel verblieb. Dann stand sie plötzlich auf,
durchschritt fieberhaft die Räume ihrer Wohnung. Im Wohn-
zimmer hielt sie vor Dostojewskis Bild inne, sah es lange
an, drohte ihm mit der Faust und schrie: Sträfling, ehrloser
Sträfling! So gebärdete sie sich bis zur vollen Erschöpfung."
So erzählt Aimee Dostojewski, die Psychoanalyse aber
wird sich mit der Auskunft „grimmiger Haß der Negerin"
Dostojewski 5 1
nicht zufrieden geben und die Frage stellen: Warum sollte
eine Frau den Mann, der nicht nur sie selbst, sondern auch
ihren kleinen Sohn buchstäblich vor dem Hungertode rettete,
so grimmig hassen? Warum soll sie ihn, den zu dieser Zeit
bereits ganz Rußland nicht nur als großen Dichter, sondern
sozusagen als Propheten feierte, beschimpfen? Maria Dimi-
trijewna spielte in Semipalatinsk die Dame von Geist und
Kultur, die über Kleinlichkeit und gesellschaftliche Be-
denken hoch erhaben ist, sie verkehrte mit Ostentation mit
Dostojewski, als dieser noch ein gemeiner Soldat war, und
gar viele Vorgesetzte ihres Mannes diesen vertrauten Verkehr
mißbilligten. War sie über Vorurteile damals hoch erhaben,
war es nachher direkt lächerlich Dostojewski „Sträfling"
zu schelten, als er die hohe Achtung des ganzen russischen
Reiches, ja der Zarenfamilie genoß. Wenn das Verhältnis
zum Hauslehrer tatsächlich bereits von Anfang an existierte,
was für einen Grund hatte sie gehabt, ihren Mann grimmig
zu hassen? Aus französischen Lustspielen kennen wir ja
den Gemeinplatz bis zum Überdrusse, daß die Menages
ä trois nicht die schlechtesten sind. Und nachdem sie von
ihrem Hauslehrer verlassen wurde, ist es wieder nichts
weniger als folgerichtig, wenn sich ihr Haß gegen den
Gatten wendet. Solche Szenen hätte sie höchstens vor dem
Bilde des ungetreuen Geliebten aufführen müssen. Ihr
Gebaren ist in der Beleuchtung Aimee Dostojewskis voll-
kommen unverständlich. Dies sind Ausbrüche einer Frau,
die ihren Gatten liebt und Grund zur Eifersucht hat,
oder zu haben wähnt. Denn der Haß ist nur die Kehr-
seite der Liebe, und nur den einst Geliebten kann eine
Frau hassen. Und verachten? Sicherlich wird es einer Frau
w ^
52 JoZarc Neufeld
von Maria Dimitrijewnas Temperament und Charakter
nicht einfallen, ihren Mann wegen eines politischen Ver-
gehens zu verachten, wohl aber verachtet eine solche Frau
einen Mann, an dessen Seite sie geschlechtlich unbefriedigt
lebt. Grund zur Eifersucht mag Maria Dimitrijewna genug
gehabt haben. Schon eine geraume Zeit vor dem Tode
der Gattin lebte Dostojewski fast ausschließlich in Peters-
burg. Dort knüpfte sich jene Bekanntschaft mit einer jungen
Studentin Pauline N., wie sie Aimee Dostojewski nennt,
(der Pauline der „Spieler"), welche rasch zur glühenden
Leidenschaft anwuchs und der er ins Ausland nachreiste,
um mit ihr sozusagen die letzten Lebensmonate der Gattin
zu verbringen. Und mag hier die gekränkte Eitelkeit
Dostojewskis immerhin eine Rolle gespielt haben, wenn wir
uns die inzestuöse Fixierung des Dichters vor Augen halten,
wenn wir daran denken, daß er dort nicht lieben konnte, wo
er begehrte, und wo er liebte, dort nicht begehrte, wenn
wir uns dazu noch an die Worte erinnern, die er über
sein Verhältnis zu seiner Frau an den Baron von Wrangel
richtete, daß sie beide tief unglücklich waren, aber nie
aufhörten einander zu lieben, wenn wir endlich noch
hinzufügen, daß sowohl der ersten Ehe der Maria Dimi-
trijewna, wie auch der zweiten Ehe Dostojewskis Kinder
entstammten, während diese Ehe kinderlos blieb, können
wir nicht umhin, hinter dem banalen Haß der Negerin
ein trauriges Familiengeheimnis zu vermuten. Daß Maria
Dimitrijewna an derselben Krankheit litt und starb, wie
des Dichters Mutter, und ungefähr in demselben Alter
sein mochte, wird uns an der Auffassung dieser Familen-
tragödie nicht gerade irre machen. Körperlich wird die
Dostojewski 55
erste Gattin des Dichters von Strachoff, dem Mitarbeiter
seiner Zeitung, als zart und gebrechlich beschrieben, was
von der Mutter des Dichters ebenfalls behauptet wird,
und Dr. Riesenkampf gedenkt ihrer als einer guten Haus-
frau, die es verstand, ihr Heim wohnlich zu gestalten,
also ebenfalls mütterliche Eigenschaften. All dies mag wohl
zusammengewirkt und die Harmonie des ehelichen Lebens
gestört haben, nachdem es die Inzestscheu Dostojewskis
geweckt hatte. Damit mag es wohl zusammenhängen, was
der bereits erwähnte Kritiker Strachoff über das sexuelle
Leben des Dichters zu dieser Zeit schreibt.
Nachdem er ein Bild der Weltanschauung des Dichters
gibt und diese als Verzeihen und Verstehen menschlicher
Schwächen bezeichnet, setzt er fest: „So war denn der
literarische Kreis, in den ich hier eintrat (es handelt sich
um die Mitarbeiter der Zeitung, die die Brüder Dostojewski
zur Zeit der schweren Erkrankung der Maria Dimitrijewna
herausgaben), für mich in vieler Hinsicht eine Schule der
Humanität. Doch ein anderer Zug, der mich besonders
frappierte, stellte an sich eine ■weit größere Abweichung
von meinen Ansichten dar. Zu meiner größten Verwunde-
rung bemerkte ich, daß man in diesem Kreise Ausartungen,
ja Ausschweifungen im Sinnlichen gar keine Bedeutung
beimaß. Dieselben Menschen, die in sittlicher Beziehung
von so ungeheuerer Feinfühligkeit waren, die den höchsten
Gedankenflug hatten und selber zum größten Teil jeder
psychischen Ausschweifung fernstanden, dieselben Menschen
sahen indessen mit vollkommenem Gleichmut auf alle
Extravaganzen, sprachen von ihnen, wie von spaßigen
Narreteien oder nichtssagenden Lappalien, denen sich in
54 Jolan Neufeld
einer freien Minute hinzugeben durchaus statthaft sei.
Geistige Unanständigkeit wurde streng und scharf gerügt,
fleischliche Unanständigkeit hingegen überhaupt nicht be-
achtet. Diese sonderbare Emanzipation des Fleisches wirkte
geradezu verführerisch, und in einigen Fällen hatte sie
Folgen, an die zu denken schmerzlich und furchtbar ist.
Von denen, die ich während meiner literarischen Mit-
arbeiterschaft namentlich in den sechziger Jahren kennen
lernte, habe ich einige infolge dieser psychischen Sünden,
die so belanglos schienen, sterben und wahnsinnig werden
gesehen."
Strachow erzählt uns zwar nichts darüber, ob unser
Dichter, der ja der geistige Mittelpunkt und Führer dieses
Kreises war, diese Ausschweifungen nur sozusagen theo-
retisch guthieß oder an solchen sich auch beteiligte, läßt
aber das letztere vermuten, da er in diesem Zusammen-
hange einige Zeilen weiter von jenen Widersprüchen
spricht, die in Dostojewskis Handlungen und Gedanken
auffallend waren, die aber in der Tiefe einer Seele ihren
natürlichen Ausgleich fanden, und ihn in vielen Fällen
vor falschen und unnormalen Wegen zurückhielten.
Der Roman „Beleidigte und Erniedrigte", der die erste
Ehe Dostojewskis poetisch beschreibt, zeigt uns den Dichter
ebenfalls im Kampfe mit seinem Ödipuskomplex. Zu der
Figur der Natascha soll seine erste Frau Maria Dimitrijewna
Modell gestanden haben. Die ein wenig lächerliche Gestalt,
die sich der Dichter in diesem Romane zuteilt, die Rolle
des schützenden Engels, der liebt, ohne zu begehren, ent-
stammt dem Ödipuskomplex, d. h. dem verdrängten Inzest-
wunsche.
Dostojewski 55
All dies beweist, daß es dieser Komplex war, der die
Liebeswahl Dostojewskis bestimmte, und an demselben
Komplex scheiterte dann sein Eheleben, da er dem Aus-
leben der normalen Sexualität hindernd im Wege stand.
Das bereits erwähnte Liebesverhältnis zu Pauline N. weist
dieselben Züge auf, wie die eben besprochene erste Liebe.
Wieder ist die Geliebte unfrei. Die junge Studentin be-
warb sich lange Zeit erfolglos um die Gunst des berühmten
Dichters. Väterliche Zuneigung und Interesse, die ihr Dosto-
jewski bewies, genügen dem temperamentvollen Mädchen
nicht, und des langen Zögerns überdrüssig, reist sie rasch
entschlossen nach Paris und sagt sich von dort von Dosto-
jewski los, nachdem sie dort die Bekanntschaft eines jungen
russischen Studenten gemacht hatte. Die Eifersucht des
inzestuös Fixierten ist mit .diesem Briefe geweckt, und
nachdem die Liebesbedingung erfüllt ist, brennt seine
Liebe lichterloh. In fliegender Eile packt er seine Sachen,
kümmert sich nicht um seine bereits auf dem Totenbette
liegende Frau, kehrt sich nicht im Geringsten an seine
so geliebte Zeitung, der er sonst seine ganze Tätigkeit
widmete und ä\e er vorher Pauline als Grund angab, die
Abreise ins Ausland zu verzögern, er fragt nicht danach,
ob diese Reise, die naturgemäß eine große Menge Geld
kostet, durch ihre Unzeitgemäßheit die Zeitung, und somit
sich selbst und den heißgeliebten Bruder mit seiner zahl-
rteichen Familie ins Verderben stürzt. Er reist Tag und
Nacht, erreicht die Geliebte, bittet, droht und überredet
sie endlich, ihm wieder ihre Gunst zuzuwenden. Und als
er endlich erreicht, was er so heiß ersehnt, Pauline ihren
Geliebten verläßt, um mit dem Dichter zu ziehen, ist er
56 Jolan Neufeld
nach wenigen Monaten von seiner Leidenschaft geheilt. Im
Augenblicke, wo die Liebesbedingungen der Eifersucht und
des geschädigten Dritten nicht mehr erfüllt sind, ist auch die
blinde Leidenschaft vorbei. Bezeichnenderweise hatte auch
dieses Mädchen einen anrüchigen Lebenswandel, sie war Stu-
dentin vom Typus der ewig Studierenden, die das Studium
nur zu dem Zwecke betreiben, um ein freies Leben zu führen.
Dostojewskis zweite Ehe soll vollkommen glücklich ge-
wesen sein. Seine Frau, von der Natur mit viel praktischem
Sinn ausgestattet, hält seine verwickelten pekuniären Ver-
hältnisse in Ordnung, stenographiert seine Werke, und
schreibt sie ins Reine, räumt ihm jede Schwierigkeit aus
dem Wege. Aber auch auf den Beginn dieses Ehelebens
warf der Ödipuskomplex Dostojewskis trübe Schatten. Der
Dichter selbst gibt in seinen Briefen aus seinem Auf-
enthalte in Europa zu, daß seine Frau viel unter seinen
Charakterfehlern zu leiden hatte. Auch Aimee Dostojewski
weiß viel von den Schwierigkeiten des Anfangs zu erzählen.
Danach soll der Dichter, von seinen Verwandten auf-
gestachelt, seine Frau für viel zu jung und kindisch ge-
halten haben, um mit ihr seine Gedanken und Sorgen zu
teilen. (Es scheint, daß die große Jugend seiner Frau eine
Übertragung von der Mutter auf die Gattin verhinderte.)
Die Familie seines Bruders machte sich im Hause des
Dichters breit, machte der jungen Frau den Rang als
Hausfrau und den Platz im Herzen des Gatten streitig.
Nur die Reise ins Ausland, welche die Schuldenlast und
der drohende Ruin unumgänglich notwendig machte, und
welche Reise die kluge und einsichtsvolle junge Frau
aus allen Kräften begünstigte, entfremdete den Dichter
Dostojewski
57
allmählich den Familienbanden. Aber selbst nach jahrelanger
Dauer der Ehe mußten Störungen vorgekommen sein. Die
kleine Episode aus Dresden; die uns Aimee Dostojewski
erzählt, mag in den Augen der Bewußtseinspsychologie
unbedeutend erscheinen, wird jedoch dem Psychoanalytiker
■weitgehende Schlüsse ermöglichen. In Dresden soll der
Dichter nämlich die Geburt seines zweiten Kindes amtlich
melden. Man verlangt in einem so pedantischen und bureau-
kratischen Lande, wie Deutschland, natürlich genaue Daten
über die Familienverhältnisse, und siehe da, dem Dichter,
der sich über eine solche überflüssige Pedanterie nicht
wenig ärgert, fällt auf Befragen des deutschen Beamten
der Familienname seiner Frau absolut nicht ein. Nachdem
er den vergessenen Namen keineswegs erinnern kann, bleibt
ihm nichts anderes übrig, als ärgerlich über die vielen
unnützen Fragen des Deutschen, nach Hause zu gehen und
seine Frau zu befragen. In den Familienerinnerungen der
Familie Dostojewski gilt diese kleine Episode, wie auch
mehrere ähnliche, als Zeichen der besonderen Zerstreutheit
des Genies. Als Zeichen dieser Zerstreutheit erzählt uns
Aimee Dostojewski, daß der Dichter an einer Straßenecke
von seiner Frau um ein Almosen gebeten wird, welches der
immer allzufreigebige ihr reicht, ohne zu bemerken, daß
es die eigene Frau war, mit der er soeben gesprochen hatte.
Hätte die Gemahlin Dostojewskis die Tendenz des Ver-
gessens und der Fehlhandlungen überhaupt so gekannt,
wie der Psychoanalytiker dieselben seit den Forschungen
Freuds über die „Psychopathologie des Alltagslebens" wertet,
sie würde beide kleinen Episoden für ihre Person nicht für
allzu schmeichelhaft gehalten haben.
7 I
58 Jolan Neufeld
Jedenfalls aber war die zweite Ehe des Dichters so
ziemlich glücklich, was mit den mütterlichen Eigenschaften
seiner Frau zusammenhängen mag, anderseits schwächte
das zunehmende Alter und die dichterische Produktion die
Intensität seines Ödipuskomplexes allmählich. Die Vater-
würde war für unseren Dichter eine stets sprudelnde Quelle
der tiefsten Freude, die in dieser unbewußten Identifizierung
wurzelte. Auch Aimee Dostojewski erzählt von gemeinsamen
Spaziergängen und Kirchenbesuchen, von gemeinsamen
Andachtsübungen und abendlichem Vorlesen. Dostojewski
befaßte sich also mit seinen Kindern ganz genau in der
Weise, wie einst sein Vater mit ihm.
Daß der Lebensabend des Dichters sich bei Weitem
ruhiger gestaltet, ist abgesehen von seinem immer größer
werdenden Dichterruhme, zum größten Teile dem Finanz-
talente seiner Frau zu verdanken. Nur wer die schwierige
pekuniäre Lage kennt, mit welcher der Dichter ■ zeitlebens
kämpfte, wird die Bedeutung dieses Umstandes ermessen
können. „Als er das Licht der Welt erblickte" — sagt einer
seiner Biographen — „erschaute er zuerst die Armen des
Krankenhauses, welchem sein Vater vorstand, und von
diesem Augenblicke heftete sich die Armut an seine Fersen,
um ihm ein treuer Gefährte für das Leben zu sein." So
ist sein ganzes Leben sozusagen eine einzige tolle Hetzjagd
nach dem Gelde, und wenn man seine von Zahlenreihen
und Rechnungen strotzenden Briefe, seine verzweifelten
Bitten um Geld, und immer wieder um Geld liest, muß
man denken, daß er dem Gelde eine ungemeine Wich-
tigkeit beimaß, ja daß er es liebte. Allein schon seine
Tochter macht uns aufmerksam, daß die pekuniären Ver-
Dostojewski 59
legenheiten ihres Vaters zum größten Teile selbsverschuldet
waren 3 sie gibt der übergroßen Freigebigkeit des Dichters
die Schuld und weist darauf hin, daß man ihn in Familien-
und Freundeskreisen den Henker des Geldes zu nennen
pflegte.
Auch Mereschkowski bemerkt mit großem Scharfblick,
daß die große Armut Dostojewskis, so quälend sie für ihn
gewesen sein mag, weniger in äußeren Zufälligkeiten, als in
seinem innersten Wesen begründet war. Die Psycho-
analyse bestätigt diese Annahme, indem sie darauf hinweist,
daß die Wertung des Geldes tatsächlich dem innersten
Wesen des Menschen, also seinem Unbewußten entstammt,
u. zw. der analerotischen Komponente seiner Libido. Ver-
schwendungssucht und Ungenauigkeit sind Charakterzüge
des Analerotikers, während Geiz, Pedanterie und Trotz
Eigenschaften jenes Analerotikers sind, dessen Analerotik
sublimiert, resp. aufgesogen wurde. Analerotische Züge
unseres Dichters sind uns wohlbekannt. Er litt zeitlebens
an hartnäckiger Stuhlverstopfung, die ihm oft Grund zu
Klagen gibt. Während der Haft in der Peter-Paul-Festung
verringern sich sozusagen alle seine nervösen Beschwerden,
bis auf die Obstipation, von der er schreibt: „Ich lebe
fast nur noch von Rizinusöl." Stets klagt er über Hämor-
rhoiden. Von seinem älteren Bruder Michail wissen wir,
daß Fjodor Dostojewski nie wußte, was er besaß, sei es
an- Geld, Kleidungsstücken, Wäsche oder anderen Gebrauchs-
gegenständen. Dr. Riesenkampf war vergeblich bemüht, ihm
etwas deutsche Pedanterie und Genauigkeit beizubringen.
Er erzählt, daß obwohl Dostojewski oft über ziemlich nam-
hafte Einnahmsquellen verfügte, — sein Vormund schickte
6o Jolan Neufeld
ihm nämlich ziemlich regelmäßig bedeutende Summen —
er sich doch in beständiger Verlegenheit befand. Nachdem
er an einem Tage zweitausend Rubel für nötige und un-
nötige Dinge ausgegeben hat, bat er ihn oft bereits am
andern Morgen um ein Darlehen von fünf Rubel. In
dieses Kapitel gehört, daß Dostojewski mit Ausnahme
seines ersten Romanes niemals etwas schrieb, was nicht
bereits im Voraus bezahlt gewesen wäre. Mit einer ge-
wissen Passion nimmt er auf seine Werke Vorschuß, die
er lange plant und fast niemals zur vereinbarten Zeit
abliefert. Er trennt sich sozusagen schwer von seinen
Werken, die in seinem Kopfe schon fertig sind, und bringt
damit seine Verleger oft in Verzweiflung. Strachoff, der
diese Eigenschaft seines Freundes erwähnt, hält dies für
die Faulheit des Genies, wir sehen darin einen anal-
erotischen Zug. Die Analerotik unseres Dichters manifestiert
sich in seinen Werken oft deutlich. So in der Szene, wo
Aljoscha Karamasow und das ganze Kloster teils ver-
zweifelt, teils eine lebhafte Schadenfreude empfindet, weil
die Leiche Sossimas, (des Vaters) in Verwesung übergeht
und einen entsetzlichen Leichengeruch ausströmt, wie
auch darin, daß der Vatermörder im Romane der Kara-
masows „Smerdjakow" heißt, was auf russisch ebenfalls
„der Stinkende" heißt.
Die Anfälle von Spielwut, welchen Dostojewski zwischen
seinem vierzigsten und fünfzigsten Lebensjahre unterlag,
finden ihre Erklärung in demselben Komplex. Daß
diese nicht nur in Geldgier wurzelte, sondern auch un-
bewußte Determinanten hatte, liegt auf der Hand, sie
brachte ihn in so unwürdige und verzweifelte Lebens-
Dostojewski 6 1
lagen, daß an der Krankhaftigkeit dieser Anfälle nicht
gezweifelt werden kann. So hatte er in Baden-Baden
wieder einmal all sein Geld verloren, und schreibt an
seinen Freund Maikow (1867): „Ich schreibe für Sie allein,
überliefern Sie mich nicht dem Urteil der Welt. An
Baden-Baden vorüberfahrend, fiel es mir ein einzukehren.
Ein verführerischer Gedanke quälte mich, zehn Louisdor
zu opfern, um vielleicht zweitausend Franken dazu zu
gewinnen. Am schlimmsten "war es, daß ich auch früher
zuweilen gewonnen habe. Noch schlimmer, daß ich eine
gemeine und zu leidenschaftliche Natur besitze. Der Teufel
spielte mir sofort einen Streich. In zwei Tagen gewann
ich viertausend Franken mit ungewöhnlicher Leichtigkeit.
Die Hauptsache aber war das Spiel. Wissen Sie, wie das
anzieht? Nein, ich schwöre es Ihnen, es war nicht allein
Gewinnsucht. Ich spielte weiter und verlor. Ich versetzte
meine Kleider und Anna Grigorjewna all das ihrige. Was
ist das für ein Engel!"
Es folgen flehentliche Bitten um Geld. „Verlassen Sie
mich nicht", beendigt er diese Epistel, „Gott wird es ihnen
lohnen. Benetzen sie mit einem Trunk Wasser die in der
Wüste verschmachtende Seele." An diesen Bekenntnissen
nimmt unser Interesse vor allem das ambivalente Verhalten
zum Gelde in Anspruch. Immer wieder wirft er es zum
Fenster heraus, um demselben dann gierig nachzujagen. Er
verschenkt es völlig unwürdigen Fremden, um es dann
von Freunden, deren Lage, wie er wohl weiß, nicht glänzend
ist, zu erbitten, erbittet es aber oft von Fremden mit einer
unterwürfigen Beredsamkeit, mit einer fast kriecherischen
Demut, mit welcher er Personen bitten läßt, die alle Selbst-
62 Jolan Neufeld
achtung verloren haben, wie Febjadkin in den Dämonen,
oder Marmeladow in Schuld und Sühne. Diese Trinker
und Spieler, diese „Unglücklichen", wie er sie nennt, sind
daher Abspaltungen seines eigenen „leidenschaftlichen und
gemeinen Charakters. "
In diesem ambivalenten Verhalten zum Gelde finden wir
unbewußte, aus dem Ödipuskomplex stammende Wünsche
realisiert. Daß der Dichter betont, nie ohne Vorschuß ge-
schrieben zu haben und dann die Arbeit nur ungern und
unpünktlich liefert, gerne Geld leiht und noch lieber ge-
winnt, hängt mit der unbewußten Bedeutung des Geldes
zusammen. Geld ist für den Erwachsenen ein Mittel zur Be-
friedigung seiner Bedürfnisse und als Machtmittel geschätzt.
Anders aber ist die Schätzung des Geldes bei Kindern und
Neurotikern, die in dieser Beziehung infantil verblieben,
wie unser Dichter. Wie das Kind kein anderes Geld kennt,
als das ihm geschenkt wird, bilden Geld und Geschenk
einen und denselben Begriff. Selbst schenken ist ein Akt,
den das kleine Kind seinem Narzißmus der Objektliebe
wegen abringen muß. Das erste Geschenk des Kindes an
seine Pflegeperson ist sein Kot, den es zur Lustgewinnung
zurückhalten möchte. Der Freigebigkeit bezw. dem Wunsch
beschenkt zu werden, das Geld nicht verdienen zu müssen,
liegt also die unbewußte Gleichung Geld = Kot zugrunde.
Zu den ältesten Kinderwünschen der Neurotiker gehört der,
von der Mutter ein Kind zu haben, (resp. der Mutter ein
Kind zu machen, schenken). So tritt der unbewußten, vorhin
erwähnten Gleichung Geld = Kot, als drittes Glied Kind
hinzu. Von der Mutter ein Kind zu haben, dieser unbewußte
Inzestwunsch steckt hinter der Spielwut und hinter dem
Dostojewski 63
Wunsche leicht, ohne Arbeit und Mühe Geld zu bekommen,
(eigentlich geschenkt zu erhalten).
Die bewußte Freigebigkeit Dostojewskis beruht allerdings
auf vorbewußten Gedanken, die mit der Auflehnung gegen
den Vater in Verbindung stehen. Der Sohnestrotz hat den
exzessiven Geiz des Vaters, zu dem der Dichter die Anlage
geerbt zu haben scheint, in Verschwendungssucht ver-
wandelt, doch ist ja der Trotz selbst ein analerotischer
Charakterzug, den übrigens nicht nur der Dichter, sondern
auch dessen Schwester Barbara und auch andere nahe Ver-
wandte väterlicherseits geerbt zu haben scheinen. Ist hier
die krankhafte Disposition offenkundig, so mündet trotz-
dem auch diese krankhafte Neigung in den Ödipus-
komplex ein.
Wie die verstärkte Analerotik, ist die stärkere Eroge-
neität der Mundzone ebenfalls ererbt. Außer dem Vater
Dostojewskis, litten zwei Brüder, der schon oft erwähnte
älteste, Michail, und der jüngste, Nikolaj, an Trunksucht.
Unser Dichter selbst war sehr mäßig, er vertrug den Alkohol
sehr schlecht, dafür aber liebte er Süßigkeiten überaus. Dem
Schriftsteller Strachoff fällt diese Eigentümlichkeit ebenso
auf, wie Aimee Dostojewski. Stets soll er eine Menge
Feigen, Datteln, Fruchtpasten und andere Süßigkeiten in
seinen Schränken verwahrt und während des Tages ge-
nossen haben. Auch seine Vorliebe für starken Tee und
schwarzen Kaffee hängt mit der Munderotik zusammen.
Diese macht einen charakteristischen Zug der Dichtungen
Dostojewskis verständlich. Seine Helden essen eigentlich
nie, wenigstens nicht ordentlich. Wenn sie völlig erschöpft
wahrnehmen, daß sie hungrig sind, essen sie in irgend
64 Jolan Neufeld
einem schmutzigen Wirtshause einige Bissen, sonst aber
nehmen sie ausschließlich Genußmittel, Kaffee und Tee zu
sich, höchstens rauchen sie noch. Unser Dichter war selbst
ein starker Raucher.
Nachdem im Seelenleben Dostojewskis so ziemlich alle
Perversionen nachweisbar sind, fragen wir uns, ob der Trieb
der aktiven und passiven Schaulust ihm fremd war. Nichts
derartiges ist uns zwar von ihm bekannt, nur seine Tochter
übermittelt uns den mit seinem Charakter nicht gut in
Einklang stehenden Zug, daß er sich gerne gut und mit
großer Sorgfalt kleidete, seine Kleidungsstücke stets selbst
mit großer Sorgfalt bürstete und pflegte und sich freute,
wenn seine Kleider lange wie neu aussahen. Das Bedürfnis
aber, sich reich und gut zu kleiden, ist nach psychoanaly-
tischer Erfahrung ein Ergebnis der Verdrängung exhibi-
tionistischer Tendenzen. Zwei Eigentümlichkeiten seiner
Werke lassen uns ebenfalls ahnen, daß er eine starke aktive
und passive Schaulust unterdrückte, resp. sublimierte. Vor
allem, daß die Natur in seinen Werken einen so geringen
Platz einnimmt, wie etwa in den Werken Michelangelos.
Naturbeschreibungen sind bei ihm ganz selten. Auch während
seines jahrelangen Aufenthaltes im Auslande kümmerte ihn
die Natur so wenig -wie nur möglich, die zauberhaften
Gegenden Italiens und der Schweiz, die Rheingegend
würdigt er kaum eines Blickes. Wenn er dieselben in
einem Briefe erwähnt, so ist sein Entzücken ganz konven-
tionell, eine Gegend interessiert ihn nur, insoferne sie ihn
an Mütterchen Rußland erinnert, oder an die langweilige,
öde Gegend von Petersburg. Strachoff erzählt von der
ersten Auslandsreise Dostojewskis, welche sie zusammen
Dostojewski 65
machten, daß sie gewöhnlich im Kaffeehause saßen und
russische Zeitungen lasen, oder so laut politisierten, daß die
Leute sich verwundert nach ihnen umsahen. In Florenz
verbrachte der Dichter Tag und Nacht mit dem Lesen
des Romanes Viktor Hugos „Les miserables", die Uffizi
Gallerie sah er ein einziges Mal an, begann sich aber
alsbald zu langweilen, so daß sie die Venus von Medici
gar nicht ansahen. Dafür aber spazierten sie gerne in der
Stadt, die Fjodor Michailowitsch an die Fontanka in Peters-
burg erinnerte. Die Natur und ihre Nachahmung, die
Kunst interessierten Dostojewski sehr wenig. Aus psycho-
analytischen Erfahrungen aber wissen wir, daß bei Malern
der Drang zur Darstellung des menschlichen Körpers als
Ersatz der Beschäftigung mit dem Mutterleibe dient, und
daß eine intensive Verdrängung dieses Wunsches die Ver-
schiebung des Malen wollens des menschlichen Körpers auf
die Natur im allgemeinen überträgt. Wo wir bei einem
Dichter finden, daß die Beschreibung der Natur, wie auch
sein Interesse für die Schönheiten derselben überhaupt auf-
fallend kärglich ausfällt, werden -wir stets eine ausgiebige
Verdrängung der Schaulust vermuten. Sublimiert manifestiert
sich die Schaulust ^sowohl wie die verdrängte Entblößungs-
lust bei Dostojewski im Malen der nackten Seelen, wie auch
in der großen Subjektivität seiner Seelengemälde. So meint
Strachoff, der mit richtigem Instinkt dies ebenfalls bemerkte,
daß es ein wahres Glück war, daß Dostojewski nicht zu
bemerken schien, wie er sein intimstes Seelenleben preisgab,
denn sonst wäre ihm dies sicherlich unmöglich gewesen.
Wenn wir so das Leben dieses großen Dichters im
Lichte der psychoanalytischen Forschung betrachten, finden
Neufeld: Dostojewski 5
66 Jolan Neufeld
wir, daß sein Charakter durch sein Verhältnis zu den
Eltern konstelliert, seine Schicksale und sein Erleben von
seinem Ödipuskomplexe nicht nur abhängig waren, sondern
sozusagen ausschließlich von demselben bestimmt wurden.
Perversion und Neurose, Krankheit und Schaffenskraft,
Eigenschaften und Eigenheiten, alles konnten wir auf den
Elternkomplex, ja nur auf diesen zurückführen. Der große
Dichter, dessen Werke die verstecktesten Regungen der
menschlichen Seele beleuchten, war selbst ein ewiges Kind,
dessen Seele zwischen Liebe und Haß, Verehrung und Miß-
achtung, Opferfreude und Mordgier gegen den Vater hin- und
hergerissen wurde. Ob er von Seelenregungen erzählt, oder
von Gefühlen, von Patriotismus oder Religiosität, alle seine
Gefühle, Gedanken, seine Erkenntnis, alle wurzeln in seinem
Ödipuskomplex oder münden in denselben ein. Des Men-
schen Schicksal ist sein Ödipuskomplex, können wir sagen,
und noch mehr bereitet dieser das Schicksal des Dichters
und Neurotikers, wie es Dostojewski war.
Wir müssen auf Grund des vorher Gesagten daher er-
warten, daß bei der großen Intensität des Ödipuskom-
plexes des Dichters wir denselben ebenso in jedem seiner
Werke vorfinden müssen, wie in jeder seiner Lebensphasen.
Dies ist auch tatsächlich der Fall und nachdem wir das
reichbewegte Leben Dostojewskis von diesem unserem Stand-
punkte überblicken, wollen wir sehen, ob unsere Erwartung
sich auch bei Analyse seiner Dichtungen erfüllen wird.
Dostojewski trat als fertiger Dichter vor das Publikum.
Von seinen Jugendarbeiten sind uns nur die Titel über-
mittelt. Sehen wir uns also diesen Roman, der das Werk
des ungefähr Zwanzigjährigen ist, von diesem Standpunkte
näher an. Dieser Antiheld Djewuschin, der trotzdem mit
jeder Geste ein vollkommener Held ist, ist ein inzestuös
Gebundener. Er liebt, kann aber nicht begehren, wie alle,
die am Ödipuskomplex fixiert sind, dies gibt dem Roman
den Anschein des Asexuellen. Das Mädchen, welches der
Held liebt, ist eine Mutterimago. Sie ist unfrei, d. h. sie
hat eine Vergangenheit, in deren Schatten sie lebt und zu
welcher Vergangenheit sie am Ende des Romanes wieder
zurückkehrt. Den eigentlichen Roman füllt die Rettungs-
phantasie aus, d. h. die heroische Aufopferung, die Opfer-
freudigkeit Djewuschins der Geliebten gegenüber. Die Vor-
bildlichkeit der Sexualität, die nach Freud der Gesamt-
68 Jolan Neufeld
persönlichkeit ihren unauslöschlichen Stempel aufdrückt,
verursachte es, daß das Leitmotiv dieses Romanes das
Entsagen ist. Die Geste, die bei Dostojewski immer wieder-
kehrt. Trotzdem ist der Roman unverkennbar die Inzest-
phantasie des infantil Verbliebenen. Es ist, als ob der Dichter
zu Gericht gesessen wäre über sein Unbewußtes, es ver-
urteilt hätte, um sich den Gesetzen der Moral zu beugen.
Nicht nur Ibsen erfaßte bewußt, daß das Leben des
Dichters ein Kampf gegen seine Komplexe, seine Dichtung
ein Gericht über seine unbewußten Tendenzen ist, auch
Dostojewski wußte es. Er fühlte es auch von solchen
Werken, bei denen tiefgreifende Verschiebungen und Ver-
änderungen nicht offensichtlich erkennen lassen, daß es
sich um Komplexe des Dichters handelt. So sagt er nach
Beendigung des Goljadkin, als er Nastascha Neswanowna
zu schreiben beginnt, seinem Bruder: „Auch dieses Werk
wird eine Beichte und Selbstverurteilung sein, wenn auch
in anderer Form, als das erstere."
Die kleineren Erzählungen der ersten Periode, der kleine
Held, Nastascha Neswanowna, Feiertag und Hochzeit, handeln
von der kindlichen Erotik, wie auch über die erotischen Ge-
fühle der Erwachsenen. Während Ärzte und Pädagogen noch
immer entrüstet sind über die Entdeckung Freuds, daß
dem unschuldigen Kindesalter eine Sexualität und dazu noch
eine „perverse" zugeschrieben werden muß, schildert der
Dichter in Nastascha Neswanowna zärtliche Fixierung an
den Vater mit unvergleichlicher Kraft und Lebendigkeit, wie
ja auch die daraus folgende Ambivalenz, der Todeswunsch
gegen den anderen Elternteil seinem psychologischen Scharf-
blicke nicht entgangen ist. Von ihrer Liebe zum Vater
Dostojewski 69
läßt der Dichter das kleine Mädchen wie folgt erzählen:
„In jener Stunde erwachte in mir eine grenzenlose Liehe
zum Vater, aher es war eine wunderliche, gleichsam gar
nicht kindliche Liehe . . . Der Vater erschien mir immer
dermaßen bedauernswert, daß es für mich etwas ganz
Unmögliches gewesen wäre, ihn nicht ganz bis zur Be-
sinnungslosigkeit zu lieben und zu trösten, nicht zärtlich
zu ihm zu sein . . . Ich erzählte bereits von meinem ersten
Erwachen aus dem Kindheitsschlaf, von meiner ersten be-
wußten Regung in einem bewußten Leben. (Gemeint ist
das Erwachen ihrer Liebe zum Vater.) Mein Herz war
von dem Augenblicke verwundet, meine Entwicklung setzte
ein und vollzog sich mit unglaublicher, sich überhastender
und ermüdender Schnelligkeit." Von der Zeit an, als der
Vater sich wütend vergißt und sagt, daß er erst aufleben
werde, wenn seine Frau gestorben sein werde, setzte sich
in dem kleinen Mädchen die Hoffnung fest, daß dieses
neue Leben auch für sie eilten bedeutenden Platz haben
werde. „Dann aber, als ich fortwährend darüber nachdachte
und mich allmählich an die schreckliche Hoffnung des
Vaters gewöhnte, kam mir bald die Phantasie zu Hilfe.
Wenigstens ertrug ich die Qual der Ungewißheit nicht
lang und mußte wohl naturgemäß zu irgendeiner Ver-
mutung gekommen sein. Und da, ich weiß nicht, wie es
anfing, aber zu guter Letzt glaubte ich wirklich, daß der
Vater, wenn erst die Mutter gestorben sei, alsbald diese
langweilige Wohnung verlassen und mit mir irgendwo
hinziehen werde." Dann erzählt sie ausführlich über ihre
phantastische Hoffnung, mit dem Vater in einem benach-
barten Hause, das reich und schön war und von dem
7° Jolan Neufeld
kleinen Mädchen schon lange angestaunt wurde, zusammen
zu leben. Auch von der Lieblosigkeit des inzestuös fixierten
Kindes weiß uns die Kleine zu erzählen. „Der Mutter
Strenge allein hätte mich nicht so gegen sie einnehmen
können. Aber ich weiß, was es war: es war dies meine
phantastische Liebe zu meinem Vater, die mich in ihrer
Ausschließlichkeit verdarb ... In meinem späteren Leben
habe ich die Beobachtung gemacht, daß viele Kinder oft
entsetzlich gefühllos sind und daß sie, wenn sie jemand
liebgewinnnen, diesen einen Menschen ganz ausschließlich
lieben und das selbstverständlich auf Kosten Anderer . . .
So wuchs ich in unserer Dachstube auf, und allmählich
steigerte sich meine Liebe, nein, richtiger meine Leiden-
schaft, denn ich kenne kein anderes Wort, das ein so
unbezwingbares, mich selbst quälendes Gefühl, wie ich fin-
den Vater empfand, ausdrücken könnte, steigerte sich bis
zu einer krankhaft ausgearteten Empfindsamkeit. Ich kannte
nur noch eine einzige Lust, an ihn zu denken, von ihm
zu träumen, nur noch einen Wunsch und Willen — alles
zu tun, nur um ihm eine Freude, oder sei es ein noch
so kleines Vergnügen zu bereiten. Wie oft erwartete ich
ihn, zitternd und blau vor Kälte auf der zugigen Treppe,
nur um wenigstens ein paar Augenblicke früher sein
Kommen zu hören und ihn zu sehen. Streichelte er mich,
wenn er bisweilen zärtlich zu mir war, so wurde ich ganz
wirr vor Freude. Und dennoch peinigte es mich oft bis
zum körperlichen Schmerz, daß ich in meinem Verhalten
zu meiner armen Mutter hartnäckig und kühl blieb . . .
In der Tat, diese wunderliche Anhänglichkeit erinnerte
etwas an einen Roman."
Dostojewski 7 1
Wenn wir die Herzensergüsse des kleinen Mädchens
hier (gekürzt) wiedergeben, so geschieht es nicht nur um
zu zeigen, daß Dostojewski den Ödipuskomplex der Kinder
bis in die feinsten Regungen kannte, sondern weil er diese
Regungen an sich selbst erkannte. Das Mädchen liebt in
dieser Weise einen von Trunkenheit verkommenen Vater,
also handelt es sich eigentlich um den Ödipuskomplex des
Dichters. Wie wir später sehen werden, behandelt der
„Jüngling" dasselbe Problem, nur daß hier direkt die Ambi-
valenz des Knaben das Leitmotiv bildet.
Auch in den übrigen Erzählungen der ersten Epoche
von Dostojewskis dichterischem Schaffen wird sozusagen
Gerichtstag gehalten über die kindliche Erotik, über den
Unfug, Kinder als erotisches Spielzeug zu behandeln (der
kleine Held), über die Un Vergänglichkeit der kindlichen
Eindrücke, wie auch über die Perversionen des Kindes-
alters. (Nastascha Neswanowna, der kleine Held, Feiertag und
Hochzeit.)
Der Doppelgänger, der seine Phantasie ungefähr zu
gleicher Zeit beschäftigt, ist ebenfalls eine Selbstverurteilung,
wie dies der Dichter in einem an seinen Bruder geschrie-
benen Brief erkennt. Die Figur des Goljadkin entsteht
in ihm in jener traurigsten Epoche seines Lebens, wo
nach dem Tode des Vaters und vor der Petraschefsky-
Affaire seinem ersten großen Erfolge kein zweiter auf
dem Fuße folgt. Die Selbstverurteilung spaltet den Cha-
rakter Goljadkins in zwei einander entgegengesetzte Teile.
Einerseits wird das narzißtische Ichideal in dem erfolg-
reichen, selbstbewußten, charaktervollen Goljadkin II. ab-
gespaltet und von dem übrigen Ich, des kleinen, gedrückten,
7 3 Jolan Neufeld
auf der Schattenseite des Lebens wandelnden freud- und
erfolglosen kleinen Beamten als voll existierend und feind-
lich gegenüberstehend empfunden, andererseits verkörpert
Goljadkin II. die Wunschphantasie des kleinen Beamten,
(d. h. des Dichters selbst), der erreicht, was dieser selbst nur
gewünscht und niemals verwirklichen konnte, dem alle
Schicksalsmöglichkeiten offenstehen, die dem unglücklichen
Beamten vorenthalten wurden. Freuds Untersuchungen über
den Narzißmus und Ranks „Motiv des Doppelgängers"
decken sich vollkommen mit der Phantasieschöpfung Dosto-
jewskis. Für die Entstehung dieses kleinen Meisterwerkes,
auf das der Dichter übrigens sehr stolz war, wird das
Minderwertigkeitsgefühl und Schuldbewußtsein des Neuro-
tikers verantwortlich sein, des Dichters oft erwähnter
krankhafter Stolz auf dieses Werk ist wohl als Kompen-
sation für das Minderwertigkeitsgefühl aufzufassen, welches
sich in der Dichtung manifestiert. Niederdrückende Armut,
Erfolglosigkeit, Unzukömmlichkeiten mit Freunden werden
. an der Stimmung, die dieses Werk hervorbrachte, wohl
ihren Anteil haben, werden das vorbewußte Material ge-
bildet haben, die eigentliche Triebkraft aber entstammt
sicher dem Unbewußten, dem Ödipuskomplex. Eigentlich geht
dieser Antiheld an seiner unglücklichen, verlachten und ver-
schmähten Liebe zu Grunde, d. h. sein Wahnsinn wird mani-
fest, als er nicht zum Geburtstag der Angebeteten geladen
wird. Die erste unglückliche Kinderliebe, die damit enden muß,
daß sie verlacht und verschmäht wird und die das berüch-
tigte Minderwertigkeitsgefühl des Neurotikers verursacht, hat
unserem Dichter unbewußt vorgeschwebt, wenn er seinen
Helden an verschmähter Liebe zu Grunde gehen läßt.
Dostojewski 73
All diese Werke der ersten Periode haben den
Ödipuskomplex zum Stoffe, sind aber sozusagen nur die
Ouvertüre. Die Urtat, wie die Psychoanalyse den Vater-
mord nennt, wird in der Katorga verbüßt, nach der
Petraschefsky-Affäre wird aus dem Empörer ein Demüti-
ger, aber die rächenden Eumeniden sind hinter dem
Dichter her, geben ihm keine Ruhe, fortan hört er
nicht auf, seine Schuld zu sühnen, seine Helden werden
die bekehrten Nihilisten, er wird der Dichter des Anti-
nihilismus, d. h. die Revolte gegen den Vater und Strafe
und Sühne derselben bilden fortan sozusagen das ein-
zige Thema seiner Dichtung, ja seiner literarischen Werke
überhaupt. Mit Rodion Raskolnikow (1866) beginnt diese
zweite Epoche seines Schaffens, die bis zu seinem Tode
dauerte. Wie gewaltig auch jede einzelne seiner Schöp-
fungen dieser zweiten Epoche ist, keine brachte ihm die
Befreiung von seinem Ödipuskomplex, wie dies z. B. bei
Gottfried Keller der Fall war, keinen Augenblick seines
künftigen Lebens und Schaffens wird er fortan im Kampf
gegen den Vatermord frei, weil dieser Drang zur Urtat
eben nie restlos erledigt wurde. Mereschkowski und
andere Kritiker wollen wissen, daß das Todesurteil
mit der grausamen Inszenierung der nachfolgenden Be-
gnadigung jenen Bruch in des Dichters Seele verursachte,
der nie wieder heilte und die Eigenheiten seines Schaffens,
das Enigmatische daran verursachte. Der Dichter selbst
erwähnt das Todesurteil oft als erschütterndes Ereignis,
das es ja in der Tat war. Jedoch besitzen bewußte Er-
innerungen nie diese faszinierende Eigenschaft, welche nur
dem Unbewußten zukommt, und so erklärt die Eigenheiten
74 Jolan Neufeld
des Dostojewskischen Schaffens restlos nur die Berück-
sichtigung seines Ödipuskomplexes. Aimee Dostojewski
meint, daß ihr Vater im Raskolnikow den jungen Leuten
von zwanzig Jahren und besonders den Studenten zeigen
wollte, wohin einen braven, talentvollen, ja selbstlosen
jungen Menschen der Hochmut, die Selbstüberhebung,
der Mangel an christlicher Gesinnung treibt. Aber nichts
steht dem erschütternden Romane so fern, als hausbackene
pädagogische Absichten. Es ist der grandiose Kampf des
Menschen mit dem Ödipuskomplex, der in seinem Unbe-
wußten tobt, den Dostojewski darstellt. Die alte Wuchererin,
die Raskolnikow tötet, ist eine Vaterimago. Schon allein
der Geiz, den sie bekundet, welcher den jungen Studenten
so aufbringt, wie einst den Dichter gegen seinen
Vater, kennzeichnet sie als solche. Daß der Dichter eine
Frau zur Vaterimago wählt, mag in dem Umstand seine
Erklärung finden, daß seine Schwester Barbara, die er als
Kind besonders liebte, in ihren späteren Jahren von einem
krankhaften Geiz befallen wurde. Die Unglückliche soll,
trotzdem sie glänzend verheiratet, von ihrem Manne einige
Zinshäuser erbte, und trotzdem sie ihre Kinder glänzend
versorgte, so gelebt haben, wie die ärmste Bettlerin. Nur
einmal wöchentlich kaufte sie etwas Brot und Milch,
weinte und jammerte, wenn sie ihren Geldbeutel öffnen
mußte, lebte ohne Dienerschaft und wurde endlich von
einem jungen Mann, der in der Nähe ihres Hauses
wohnte, mit Hilfe eines Bauern ermordet. Im Familien-
kreise war dieser tragische Tod der Schwester wahrschein-
lich vorausgesehen, und so geschah es, daß Dostojewski
statt des männlichen Wucherers eine weibliche Figur
Dostojewski 75
beschreibt* Die Identität des Dichters mit Raskolnikow
liegt auf der Hand. Derselben Schuld folgt hier dieselbe
Sühne, die Verbannung nach Sibirien wird Raskolnikow
läutern, wie sie einst den Dichter läuterte. Sonja ist eine
Mutterimago. Wie wir bereits erwähnten, ist es für den
an die Mutter fixierten Neurotiker bezeichnend, die Mutter
unbewußt der -Dirnenhaftigkeit zu zeihen. Wieder einmal
hielt der Dichter Gerichtstag über sich selbst, um sich zu
sagen, demütige dich, du bist eine Laus. Entsage!
In den Beleidigten und Erniedrigten kämpft er wieder
den Kampf mit dem Ödipuskomplex. Zu der Figur der
Nastascha des Romanes soll seine erste Frau Maria Dimi-
trijewna Modell gestanden sein, seine unerwiederte Liebe
den Gegenstand des Romanes geliefert haben. Maria
Dimitrijewna .aber entpuppte sich uns bereits als Mutter-
imago, und so ist die Frau, der er entsagt, die zu lieben
er nie aufhört, die ihm aber nie angehören kann, wieder
nur die Mutter. Die Beleidigten und Erniedrigten ist der
schwächste Roman Dostojewskis. Er meinte später selbst, daß
er papierene, aus Büchern stammende Menschen schilderte,
die weder Fleisch, noch Blut haben. Die Selbstverurteilung
ist richtig, was den Wert des Romanes betrifft, die Schuld
aber trägt wieder nichts Anderes, als der Ödipuskomplex.
Daß der alte Herzog Valkovskij eine Vaterimago bedeutet,
den bösen Vater, der den Inzestgelüsten des Sohnes im
Wege steht, ist offenbar. Dieser Vater aber, der das Liebes-
verlangen seines Sohnes unterdrückt, wird aus infantiler,
*) Nach Kapplan soll das „sich auf die Alte stürzen" einen unbe-
wußten sexuellen Nehensinn haben, es bedeutet den Inzest. S. „Der tragische
Held und der Verbrecher".
7^ ^^ Jolan Neufeld
ambivalenter Einstellung als Monstrum geschildert. Die
kranke Charakteristik dieser fast operettenhaften Charaktere
entspringt dem Unbewußten, es ist die laute Sprache des
Infantilen, die sich hier äußert, und dieser ist kein Ton
zu schreiend und unharmonisch, wenn es gilt, den gehaßten
Nebenbuhler anzuschwärzen.
Am besten gelingt die Verdrängung des Ödipuskomplexes
im Idioten. Die schöne Handschrift, die der Fürst schreibt,
seine graphologischen Kenntnisse, seine „heilige Krankheit",
seine Gedanken über die Todesstrafe charakterisieren ihn
genugsam als idealisiertes Selbstporträt. Natürlich sind die
Gestalten, die ihn umgeben, mit ihren ungezügelten Trieben,
niedriger Gesinnung und unverdauter Ideologie wieder Ab-
spaltungen des eigenen Charakters. Seiner eigenen, dis-
harmonischen Natur schwebt die harmonische, ungeteilte
(nicht ambivalente) Natur des Idioten als Wunschphantasie
vor. Einfältig zu sein, Gott -Vaters auserkorenes Kind zu
sein, das er wegen seiner Einfältigkeit und Unschuld am
meisten liebt, leidenschaftslos und wunschlos sein, keinen
Ödipuskomplex zu haben, dieser unbewußte Wunsch bildet
das Motiv dieses eigenartigen Romans. Statt aktiv nach
der Mutter zu verlangen, phantasiert der Dichter hier
eigentlich eine Verführungsszene (Potipharphantasie), die
leidenschaftliche Nastasia Fillipowna, sowie Aglaja sind
wieder Mutterimagines. Die Verdrängung der unbewußten
Inzestregungen ist hier am vollkommensten, der Held
scheinbar ganz asexuell. Das Gebot des Entsagens ist hier
in seiner schärfsten Fassung in Kraft. Entsage, bedeutet
hier nicht nur das Verzichten auf den Inzest, sondern auf
die sexuelle Liebe überhaupt. Die Inzestliebe ist vollkommen
Dostojewski jj
sublimiert, als Menschen- und Nächstenliebe. Die Christus-
identifikation Dostojewskis wird hier ganz offenkundig,
die Sublimierung gelingt in dieser Dichtung am voll-
kommensten.
Umso heftiger tobt der Kampf im folgenden großen
Roman, in den Dämonen. Dostojewski findet keine Farbe
zu grell, keinen^ Ton zu schreiend, um den Nihilismus,
d. i. Empörung gegen den Vater zu brandmarken. Während
Schiller, dem bekannterweise sein Vaterkomplex auch viel
zu schaffen machte, immer Freiheitshelden schildert, kennt
Dostojewski infolge seiner heftigen Verdrängung dieses
Komplexes nur die Karikatur des Helden, nur den Abhub
des Nihilismus, die edlen Gestalten der Märtyrer der
russischen _ Freiheitsidee, wie z. B. die edle Gestalt des
Herzogs Krapotkin, existieren für ihn überhaupt nicht.
„Das Buch ist von leidenschaftlichem Hasse eingegeben
und hat leidenschaftlichen Haß geweckt" sagt ein Literatur-
historiker, allein mit Unrecht. Haß gegen sich selbst, gegen
das Verbrechen des Ödipus ist die Wurzel dieses Buches.
Die bewußte Persönlichkeit, sozusagen das politische Credo
Dostojewskis repräsentiert die Person Schatows, doch in
viel tieferen Seelenschichten, als die Invektiven gegen den
politischen Nihilismus wurzeln jene Seiten des Romanes,
in welchen der Dichter Gericht hält über den Atheismus,
über die sexuelle Immoralität der Nihilisten, d. h. über sich
selbst. Stawrogin verkörpert den vollkommen ungläubigen,
entarteten und perversen Gottesleugner, der Tod und Ver-
derben um sich streut, das Böse um des Bösen Willen tut,,
weil er entwurzelt ist, „weil er das Band mit der Heimat"
zerrissen hat, ohne welches es kein Heil auf Erden gibt.
Daß aber diese Liebe zum Erdboden, zu Mütterchen Ruß-
land der unbewußten Inzestphantasie entspringt, haben
wir schon betont. Der Inzestwunsch regte sich also bei
dem Dichter, während er die Gestalt Stawrogins schuf,
die Person des Kyrillow personifiziert die Revolte gegen
den Vater. Epileptiker und Grübler, wie der Dichter selbst,
ist er der Maniakus des Unglaubens. Der Mensch erfand
Gott — läßt ihn der Dichter sagen — um das irdische Leben
und den Schrecken des Todes ertragen zu können. Wer
diesen Betrug aufdeckt, wer sich vor dem Nichts nicht
fürchtet und sich zu töten wagt, ist selbst Gott. Hier er-
reicht die Ablehnung des Vaters die exzessivste Form. Frei
will Dostojewski sein von der infantilen Sehnsucht nach
dem Himmlischen, d. h. nach dem irdischen Vater, frei
von Liebe, Sehnsucht und Furcht möchte er furchtlos ver-
zichten auf das Kinderparadies des blinden Glaubens und
der Sphinx der Realität fest ins Auge blicken. Kyrillow
rettet sich in den Tod, der Dichter aber geht mit seiner
Empörung wieder einmal ins Gericht und wieder einmal
kehrt er zum Glauben, zu seiner kindlichen Einstellung
zu Gott-Vater zurück. Es ist aber ein Pyrrhussieg, den er
erfochten hat, der immer wieder ausgefochten werden muß
weil sein Hosianna durch Gotteslästerung geht.
Spielt sich der Kampf gegen den Ödipuskomplex in
den erwähnten Romanen, von Raskolnikow bis zu den
Dämonen, sozusagen in Übertragung als Kampf gegen den
Nihilismus ab, so wird der eigentliche Komplex im „Jüngling"
wieder lebendig. Makarewits Arkadij, der Sohn einer Leib-
eigenen und des Gutsherrn, der sie geraubt (Familien-
roman) wird als einziger armer Schüler unter vielen Reichen
Dostojewski ja
in einem Privatinstitute erzogen. Sein Vater bezahlt wohl
den kärglichen Erziehungsbeitrag, kümmert sich aber um
den Knaben fast gar nicht. Wie die Phantasie des Knaben
von der einmal gesehenen glänzenden Gestalt des Vaters
gefangen genommen wird, wie das ambivalente Verhalten
gegen den Vater die ganze Seele des Knaben erfaßt und
ausfüllt, dies ist der eigentliche Stoff des Romans. Wie
viele Mängel auch diesem Romane mit Recht vorgeworfen
werden können, wie sehr sich das Sprunghafte der Er-
zählungweise Dostojewskis auch fühlbar macht, so daß
dieser Roman zu den wenigen schwächeren Werken des
Dichters gerechnet wird, nie ward eine glänzendere Schilde-
rung des ambivalenten Verhaltens des Knaben gegeben.
„Mit jedem meiner Gedanken und Träume klebte ich an
ihm" läßt der Dichter den Jüngling reden. „Jeder meiner
Träume war mit ihm verknüpft, beschäftigte sich gewöhn-
lich ausschließlich mit ihm, oder endigte im Resultat mit
seiner Person. Ich weiß selbst nicht, ob ich ihn liebte
oder haßte." Der bewußte Grund dieser ambivalenten
Einstellung des Sohnes ist die verletzte Eitelkeit, der ge-
wöhnliche Familienroman der Neurotiker, vom Vater ver-
lassen, in niederen Verhältnissen auferzogen worden zu
sein, aber auch der Ödipuskomplex meldet sich alsbald
unverhohlen, wenn auch verschoben. Einerseits macht der
Held die Mutter zur Dirne, indem er sie in Liebe zum
Herzog Versilow erglühen und ihren Mann verlassen läßt,
andererseits liebt der Jüngling alsbald jene Frau, die sein
Vater geliebt und fortwährendes Mißtrauen und Eifersucht
entwickeln sich alsbald im Sohne. Auf die Identität des
Helden mit dem Dichter weisen hier nicht nur zahlreiche
8o Jolan Neufeld
autobiographische Züge hin, sondern auch der Umstand, daß
die Idee, welche das treibende Motiv der Handlungen des
jungen Mannes ist, reich, unermeßlich reich zu sein, ein
Wunsch war, den Dostojewski während seiner Jünglings-
zeit aus Haß gegen den Vater nur allzu oft hegen mochte.
Als hätte dieses sozusagen direkte Ausleben des Ödipus-
komplexes eine kathartische Wirkung auf den Dichter
ausgeübt, versiegt für die nächsten Jahre die dichterische
Produktion, deren Quelle ja das aus dem Ödipuskomplex
stammende Schuldbewußtsein ist. Die Jahre 1875 — 1880
sind fast ausschließlich der publizistischen Tätigkeit ge-
widmet, doch ist dieselbe außerordentlich subjektiv und
der Komplex läßt sich als Wurzel derselben immer wieder
erkennen. Politik, Tagesereignisse, kriminalistische Affären
werden glossiert, Erinnerungen an die Jugend tauchen auf.
Aber die ewige Melodie des „Ödipus" kann auf diesem
so entfernten Gebiete trotzdem herausgehört werden. Liebe
zur Mutter-Erde Rußland, Achtung vor den Gesetzen des
Gott-Zaren- Vaters, Hingebung an die orthodoxe Mutter-
Kirche, diese Melodie erklingt in allen Variationen. Dazu
die Identifizierung des russischen Volkes mit Gottes aus-
erwähltem Volke, resp. die Identifizierung der eigenen
Person mit der des Heilandes.
Wie subjektiv diese lyrischen Ergüsse, diese publizisti-
sche Romantik auch gewesen waren, für die Dauer konnte
sie dem Ausleben des Unbewußten nicht genügen. Noch
einmal regt sich das Schuldbewußtsein mit solcher Macht
und so laut, wie nie zuvor, der Dichter singt seinen
Schwanengesang, die letzte Variation des ewigen Liedes.
Doch nur als Grundmotiv erklang es in den drei dicken
^^ Dostojewski g 1
Bänden des Romanes, es wurde nicht zu Ende gesungen, da
eine Lungenblutung dem unruhigen Leben Dostojewskis am
19. Januar 1881 ein Ende bereitete. Ganz laut, fast be-
wußt, erscheint hier der Gewissenskonflikt. Doch nur für
den Dichter selbst endet hier der Kampf mit dem Ödipus-
komplex, seine Gestalten kämpfen den ewigen Kampf
weiter. Es war dem Dichter nicht gegeben, Hosianna zu
singen, die Saite sprang, als er das Lied anstimmte und
das weitere Geschick der drei Vatermörder blickt uns ewig
rätselhaft wie die Sphinx an. Wird Mitja das Kreuz auf
sich nehmen? Und wenn auch der Hedonismus Iwans,
sein Skeptizismus und Materialismus gebrochen ist, wird
er Slawophile und Strenggläubiger? Und wird seine kräftige
Natur den Tod besiegen? Und wird Aljoscha aus dem
Fegefeuer des Lebens geläutert hervorgehen? So endet die
Geschichte der Vatermörder nicht und ein großes Frage-
zeichen bleibt im Leser zurück. Als ob sich der Dichter
die Frage vorlegte: Kann man der Mutter entsagen? Kann
man die auf den Vater gerichteten Todeswünsche auf-
geben? Nicht der Tod des Dichters ist der letzte Grund,
daß dieser Roman ein so gewaltiger Torso blieb, sondern
der unsterbliche Komplex ließ ein harmonisches Ausklingen
nicht zu.
Neufeld: Dostojewski
Entgleiste, Perverse, disharmonische Charaktere, Geistes-
kranke bilden die gespenstische Schar der Dostojewskischen
Helden. Kein einziger ist geistig gesund, kein einziger
lebt das Leben eines Alltagsmenschen. Wilde, ungezügelte
Triebe leiten die Handlungen dieser Menschen, sie wenden
sozusagen ihr Unbewußtes gegen den Leser und enthüllen
die seltsamsten Geheimnisse ihres Seelenlebens. Dostojewski
malt das unbewußte Seelenleben dieser seiner Helden, als
ob er die Psychoanalyse lange vor Freud, sozusagen zu
seinem Privatgebrauche, entdeckt hätte. Sein Wissen um
die Geheimnisse der menschlichen Seele ist nicht bloß
das intuitive Wissen der Dichter, bewußt spricht er oft
Wahrheiten aus, die die Psychoanalyse fast ein halbes
Jahrhundert später entdeckte, und sind diese Wahrheiten
auch nicht nach streng wissenschaftlicher Methode ge-
wonnen, so sind sie für die Psychoanalyse doch von unend-
lichem Werte, weil die Wahrheiten der neuen Wissen-
schaft auf einem anderen Gebiete und mit einer völlig
anderen Methode sich bewahrheiteten. In seinen Auseinan-
dersetzungen mit Jung meint Freud, daß jeder, der die
Existenz des Unbewußten und der Verdrängung anerkennt,
verdiene, Psychoanalytiker genannt zu werden. Dostojewski
erfaßt die Existenz des Unbewußten völlig klar. Im „ewigen
Gatten", dieser herben Selbstverspottung, läßt er den Lieb-
Dostojewski 83
haber über den mit Hörnern gezierten Gatten, der in
seinem Schmerze nach Petersburg kommt, nachdem er
nach dem Tode seiner Gattin deren Untreue erfährt, den
Verführer aufsucht und mit einem Rasiermesser verletzt,
über all diese Ereignisse also philosophieren (interessant
ist, daß Dostojewski dieses Kapitel „Analyse" betitelt):
„wenn es nun wirklich feststeht, daß sein Mordanschlag
ein unvorbereiteter war, sollte ihm dann der Gedanke,
mich umzubringen, nicht wenigstens einmal schon früher
in den Kopf gekommen sein? Wenn auch nur als Einfall,
in einem Augenblick der Wut?" Er beantwortet sich die
Frage sehr sonderbar, und zwar dahin, daß Pawel Pawlo-
witsch ihn allerdings habe ermorden wollen, daß jedoch
der Gedanke an einen Mord dem Mörder kein einziges
Mal vorher in den Sinn gekommen sei. „Kurz, Pawel
Pawlowitsch wollte mich ermorden — sagte er sich — •
wußte aber selbst nicht, daß er es wollte. Das
klingt widersinnig, ist aber trotzdem richtig."
„Nicht um sich versetzen zu lassen, und auch nicht
Bogotoffs (der andere Liebhaber seiner Frau) wegen ist er
nach Petersburg gekommen, obzwar er sich versetzen
lassen wollte und sich über den Tod Bogotoffs ärgerte.
Aber wegen mir war er gekommen. Er ist nach Peters-
burg gekommen, um mir um den Hals zu fallen
und mit mir zu weinen, wie er sich selbst gemein
ausdrückte, d. h. um mich zu ermorden, und glaubte
doch selbst, daß er fahre, um mich zu umarmen
und mit mir zu weinen."
Klarer hat wohl die Existenz des Unbewußten, die
Tatsache, daß intensiv wirksame Gedankengänge dem
6*
84 Jolan Neufeld
Bewußtsein dauernd entzogen in unserer Seele existieren
können, noch niemand erfaßt. Daß dieser arme Pawel
Pawlowitsch, der betrogene Gatte, eine Stunde bevor er
den Liebhaber seiner Frau töten will, denselben sorgsam
und zärtlich pflegt, als Weltschaninoff plötzlich eine heftige
Gallensteinkolik bekommt, das ganze Haus alarmiert, seinem
Nebenbuhler Teller auf den Bauch wärmt, diese mit dem
eigentümlichen Humor eines humorlosen Menschen ge-
zeichnete Szene, beweist, wie genau der Dichter die von
Bleuler beschriebene Eigentümlichkeit der neurotischen
Seele, die Ambivalenz kannte. Doch nicht nur diese gro-
teske Form der Ambivalenz kennt und beschreibt der
Dichter. Dostojewski, der selbst in allen Lebensbeziehungen
diese starke Ambivalenz aufweist, teilt diese Eigenschaft
jedem seiner Helden mit. Sie kennen dieses Gefühl in
allen nur möglichen Abarten, Kinder den Eltern, Freunde
den Freunden, Liebhaber den Geliebten gegenüber. Alle
lieben und hassen zu gleicher Zeit, mit derselben Inten-
sität. Keiner von ihnen weiß eigentlich selbst, ob er liebt
oder haßt, verehrt oder verachtet, alle sind durchaus zwie-
spältige Charaktere. Vom kleinen Knaben angefangen, der
den Vater glühend liebt, dem dieser das Sinnbild aller Voll-
kommenheiten bedeutet, und den er zu gleicher Zeit bitter
haßt, ja verachtet, bis zum vorhin erwähnten Ehemanne, der
den Liebhaber pflegt, um ihn dann „gerettet" zu ermorden,
der sich über die Untreue der toten Gattin nicht beruhigen
kann, um sofort danach eine andere Ehe einzugehen, sind
alle Helden und Heldinnen in allen Situationen ambivalent.
Iwan Karamasöw liebt und haßt Katja zu gleicher Zeit,
die diese ambivalenten Gefühle erwidert, und dabei noch
Dostojewski 85
zwischen den zwei Brüdern Iwan und Mitja nicht zu
wählen vermag. Gruschenka weiß bis zum entscheidenden
Augenblick selbst nicht, ob sie Mitja haßt und verachtet,
oder so sehr liebt, daß sie ihm in Verbannung, ja in den
Tod folgen möchte. Nastascha Fillipowna liebt den Fürsten
Myschkin und entläuft ihm, ihr Geliebter Rogozin liebt
sie so leidenschaftlich, daß er sie ermordet, -um sie völlig
und auf ewig zu besitzeii. Aglaja verehrt den „Idioten",
in dem sie den wahren Jünger Christi erkennt und ver-
spottet ihn trotz alledem fortwährend.
Aber auch auf andere Gefühlsregungen wie die eroti-
schen erstreckt sich diese Zwiespältigkeit. Aljoscha Kara-
masow hegt den glühenden Wunsch, Mönch zu werden,
und gesteht dabei seinem Freunde, daß er eigentlich nicht
einmal wisse, ob er an Gott glaube. Marmeladow verkauft
die letzten Kleidungsstücke seiner Frau, um dem Laster
der Trunksucht zu fröhnen, er gibt seine Familie dem
entsetzlichsten Elend preis, und ist dabei doch der zärt-
lichste Vater und der rücksichtsvollste Gatte. Seine Frau
mißhandelt ihre Kinder, weil ihr Herz blutet, daß sie vor
Hunger weinen. Sie treibt ihre Stieftochter Sonja auf die
Gasse, in die Arme der Prostitution, und tut dies mit
bitteren, hohnvollen Worten, um ihre Schmach dann gegen
jedermann zu verteidigen, und ihre Füße zu küssen, als
sie von dem Wege der Schande nach Hause kommt. Die
Ambivalenz des kleinen Mädchens gegen die Mutter zeigt
uns Dostojewski in Nastascha Neswanowna, die des Knaben
gegen Vater und Mutter im „Jüngling". Er kennt alle
Motive dieser zwiespältigen Einstellung, wie Eifersucht,
beleidigte Eitelkeit, und vor allem die unersättliche Gier
des Kindes, vom geliebten Elternteil Zärtlichkeit zu be-
kommen und betreut zu werden.
Die kindliche Sexualität, gegen deren Existenz sich
Ärzte und Männer der Wissenschaft immer wieder sträuben,
kennt Dostojewski genau und mit allen ihren „perversen"
Komponenten. Im „Jüngling" läßt er den kleinen Knaben
von seiner Liebe zum Vater also reden: „Mit allen meinen
Gedanken und Träumen klebte ich an ihm. Jeder meiner
Träume stand mit ihm im Zusammenhange, beschäftigte
sich gewöhnlich ausschließlich mit ihm oder endigte in
seiner Person. Ich weiß selbst nicht, ob ich ihn liebte
oder haßte, doch jeder meiner Zukunftspläne und Träume
drehte sich um ihn, er war der Mittelpunkt jenes Lebens,
das meiner noch harrte." Oder an einer anderen Stelle
spricht er über den Vater; „Bereits in meiner Kindheit
war ich daran gewöhnt, daß ich diesen Mann, meinen
zukünftigen Vater, mir in einem gewissen Glänze vor-
stellte. In meinen Träumen blieb er mir stets in einem
gewissen Glänze im Gedächtnis. Endlich, ich bin ge-
zwungen, ein vollständiges Bekenntnis abzulegen: Ich liebte
diesen Menschen. Und warum ich mich in ihn verliebte,
auf ewig, während eines einzigen kurzen Augenblickes,
als ich ihn in meiner Kindheit einmal sah? Unsere Be-
gegnung ist eine ganze Geschichte, die keinen Kern hat,
ich jedoch baute daraus eine ganze Pyramide. Diese
Pyramide begann ich bereits in meinem kleinen Kinder-
bett zu bauen, bevor ich einschlief, und gerne geweint
hätte oder geträumt. Wovon? Ich weiß es selbst nicht.
Ist es seine Schuld, daß ich mich in ihn verliebte, und
aus ihm ein phantastisches Idealbild schuf?" Es gibt in
Dostojewski 87
der Weltliteratur keine Beschreibung, die die zärtliche
Fixierung des Knaben an den Vater anschaulicher und
wahrheitsgetreuer schilderte, als diese, die einem von der
Literaturgeschichte als schwach klassifizierten Romane des
Dichters entstammt. Die zärtliche Fixierung der kleinen
Nastascha Neswanowna erwähnten wir schon früher. Der
Haß und die Eifersucht gegen die Mutter, die der erhofften
ewigen und vollkommenen Vereinigung zwischen dem
kleinen Mädchen mit dem Vater im Wege steht, die
Todeswünsche gegen diese Mutter, die vollkommene Ge-
fühllosigkeit der Kleinen gegen diese gehaßte Konkurrentin,
trotz besserer Einsicht, die Phantasien, nach dem ersehnten
Tode der Mutter mit dem Vater in glänzenden Verhält-
nissen, in ewiger Seligkeit zusammen zu leben, die heftige,
von Sexualität unzweifelhaft unterfütterte Leidenschaft für
den Vater, all dies gibt eine glänzende Schilderung der
kindlichen Erotik, die sich mit der Entdeckung Freuds
bis ins Einzelne vollkommen deckt.
Doch kennt Dostojewski nicht nur die zärtliche Fixie-
rung des Kindes an den andersgeschlechtlichen Elternteil,
sondern auch die ersten zarten Regungen der Sexualität gegen
Fremde, wie auch den erotischen Untergrund jener Zärt-
lichkeit der Erwachsenen, deren sexuellen Unterton der
Analytiker so gut heraushört, welche Sache aber von Nicht-
analytikern immer wieder bestritten wird. Den kleinen
Knaben von elf Jahren läßt Dostojewski über die gefähr-
liche Unsitte, das Kind als erotisches Spielzeug zu behandeln,
also sprechen: „In den Augen all dieser reizenden Damen
war ich noch das kleine unbestimmte Lebewesen, das sie
liebkosten und mit dem sie wie mit einer Puppe spielen zu
88
Jolan Neufeld
dürfen vermeinten. Ich war natürlich noch ein Kind, nicht
mehr als ein Kind, und die schönen Damen, die mich lieb-
kosten, machten sich weiter keine Gedanken über mein
Alter, aber merkwürdig! Trotz meiner elf Jahre bemächtigte
sich meiner zuweilen doch schon eine seltsame Empfin-
dung, die ich freilich selbst vorläufig noch nicht begreifen
mochte: es war, als streiche irgend etwas ganz leise und zart
über mein Herz, etwas Unbekanntes und Ungeahntes, wo-
von mein Herz wie nach einem heftigen Schreck zu brennen
und zu pochen begann, und mir oft ganz plötzlich das
Blut heiß ins Gesicht trieb. Es kamen Augenblicke, in
denen ich mich der verschiedenen kindlichen Vorrechte,
die ich genoß, geradezu schämte und sie fast als persön-
liche Beleidigung empfand." Gerade so anschaulich ist die
folgende Schilderung des erotischen Spieles, das eine über-
mütige Schöne durchaus nicht harmlos mit dem kleinen
Knaben spielt. Kurz, Dostojewski wußte nur zu gut, und
zeigte es in jedem seiner Werke, daß das Kind von drei,
vier Jahren bereits ein reiches, erotisches Leben lebt, aller
Liebesäußerungen des Erwachsenen fähig ist und daß
diese Sexualität des zartesten Kindesalters nicht nur den
Charakter, sondern auch die Lebensschicksale dauernd, ja
für ewig beeinflußt.
Über das Wissen Dostojewskis vom Traume können
wir nicht genug staunen. Im „Jüngling" z. B. läßt er seinen
jungen Helden einen Traum erzählen. Nach einer langen
Krankheit träumt der Jüngling diesen Traum, von dem
er sagt, daß er einen Wendepunkt seines Lebens bedeutete,
und ihm ewig in Erinnerung blieb. Arkadij sieht sich in
einem schönen und großen Zimmer. Herein kommt die
Dostojewski 8 g
Geliebte, von der er sich wachend gar nicht getraut, sich
selbst zu gestehen, daß er sie zu lieben wagt. Doch sie
sieht ihn mit verführerischen, ja herausfordernden und
schamlosen, lächelnden Mienen an, und gibt ihm deutlich
zu verstehen, daß sie für das Dokument, das Arkadij in
seinen Kleidern eingenäht aufbewahrt, und dessen Inhalt
für die schöne Frau sehr gefährlich ist, bereit wäre ihm
ihre Gunst zu schenken. „Oh, dieser Traum" ruft der
Jüngling — erwacht und an diesen Traum beschämt zurück-
denkend — aus: „Fort, fort mit dieser erniedrigenden Er-
innerung! Verfluchter Traum! Ich schwöre, daß vor diesem
schamlosen Traume in meinem Geiste nichts lebte, was
einem so schmachvollen Gedanken auch nur ähnlich ge-
wesen wäre. Nicht einmal unwillkürlich lebte in mir eine
solche Phantasie, (obzwar ich das Dokument in meiner
Tasche eingenäht trug und manchmal lächelnd in meiner
Tasche befühlte). Doch wie war das möglich, daß all dies
in dieser fertigen Form in mir auftauchte? Dies kam daher,
daß in mir die Seele einer Spinne lebte! Dieser Traum
beweist, daß in meinem verderbten Herzen all dies schon
lange keimte, in meinem Wünschen lag, doch im wachen
Zustande schämte sich mein Herz noch dafür und getraute
sich nicht, etwas derartiges bewußt zu vergegenwärtigen.
Doch im Traume zeigte meine Seele, was in meinem
Herzen lebte, zeigte es in scharf sichtbaren Bildern, der
Wahrheit gemäß und in prophetischer Form. Der Traum,
den ich damals sah, ist eines der eigentümlichsten Er-
eignisse meines Lebens." Hier zeigt Dostojewski, daß er
bewußt die wunscherfüllende Tendenz des Traumes, die
Regression, den erotischen Charakter der verdrängten
9o Man Neufeld
Wünsche, also sozusagen alle Ergebnisse der Freud'schen
Traumforschung erkannt hatte.
Der regressive Charakter des Traumes ist ihm auch
sonst geläufig. So träumt Raskolnikow an dem Tage, wo
er den Entschluß faßt, die alte Wuchererin zu ermorden,
daß er als kleiner Knabe, vom Vater an der Hand geführt,
weinend zusieht, wie ein betrunkener Bauer sein kleines
mageres Pferdchen mit schrecklichen Peitschenhieben tötet.
Erschöpft und schweißtriefend erwacht er mit klopfendem
Herzen und sein erster Gedanke ist: „Werde ich die alte
Frau wirklich töten?" Es scheint, als ob Dostojewski nicht
nur die Tendenz des Traumes, vor aktuellen Schwierig-
keiten des Lebens in die Kindheit zu flüchten, kenne, sondern
als ob er auch die Traumsymbole kenne, oder sie wenigstens
intuitiv richtig zu gebrauchen verstehe. Das Pferd ist als
Symbol der zu tötenden Frau, also in diesem Falle als
Vaterimago, da ja die alte Frau im Unbewußten den Vater
Dostojewskis bedeutet, richtig gebraucht.
Denselben regressiven Charakter zeigt auch der Traum
Dimitrij Karamasows, als er nach begangenem Morde zu
seiner Geliebten fährt. Er träumt von einem kleinen Knaben,
der vollkommen verlassen und vernachlässigt heftig weint.
Also wohl von seiner eigenen Kindheit, in welcher ihn
sein Vater so sehr vernachlässigte, im Hinterhause auf-
wachsen ließ, wo ihn nur ein treuer Diener betreute.
Nicht nur Traum und Neurose, auch die Auffassung
der Psychose Freuds scheint Dostojewski zu teilen. In
dem Aufsatze „Zur Einführung des Narzißmus" sagt Freud
z. B., daß der Zustand der Dementia -praecox -Kranken
durch zwei Dinge gekennzeichnet sei, durch den Größen-
Dostojewski 91
wahn und die vollständige Abkehr von der Realität.
Dostojewski schildert eine solche Kranke in den Dämonen.
Sie ist die einstige Geliebte Stawrogins, Maria Lebjadkin.
Als der Dichter sie uns zum ersten Male vorführt, sitzt
sie selig vor sich hinlächelnd auf einem wackeligen Stuhle,
während um sie die größte Verwahrlosung, Schmutz und
Unordnung herrschen. Eine angebissene Semmel liegt vor
ihr auf den Tisch, die sie aufzuessen schon tagelang ver-
gißt. Während sie scheinbar an dem Gespräche der Gäste
teilnimmt, hört sie eigentlich nur jene Worte, die mit
ihren Komplexen (der Verlust des Geliebten) in irgend
einer Verbindung stehen. Der Besucher Schatow kann seinem
Gefährten ungestört über ihre Person erzählen, ihre Intro-
version ist so vollkommen, daß sie von all dem, was gesprochen
wird, nichts vernimmt. Schatow erzählt seinem Freunde,
daß der Trunkenbold Lebjadkin die kranke Schwester täglich
einige Male mit der Peitsche gräßlich mißhandelt, diese
aber von alledem garnichts zu bemerken scheint, und sich
so benimmt, als ob ihr Bruder nicht der sie quälende
Tyrann, sondern ihr Diener wäre. Sie erteilt ihm den
Befehl, Wasser zu bringen, sie zu bedienen, spricht mit
ihm überhaupt nur in befehlendem Tone, obzwar ihre
Befehle niemals befolgt werden, ihr aber stets neue Miß-
handlungen eintragen. Der Größenwahn ist also ebenso
unverkennbar, wie die Abkehr von der Realität, dabei zeigt
uns Dostojewski mit unnachahmlicher Feinheit, daß die
Verblödung der Bedauernswerten nur eine scheinbare, d. h.
affektiv bedingt ist.
Die Paranoia Goljadkins ist ebenso meisterhaft geschil-
dert. Freud bemerkt, daß der Verfolgungswahn eigentlich
9 2 Man Neufeld
das vom übrigen Ich abgespaltete Gewissen, die Ich-
kritik als real existierend und dem übrigen Ich feindlich
gegenüberstehend empfindet. Dieselbe Projektion macht
Goljadkin. Dostojewski läßt als Korrelat des Minderwertig-
keitsgefühles den Doppelgänger vor uns entstehen. Schon
in der ersten Szene beim Arzte sehen wir, daß das unge-
nügende Selbstgefühl, die unbefriedigte Erotik, die infantile
Angst vor dem Vorgesetzten, das Motiv der Krankheit
bilden, daß der Wahn nichts Zufälliges schafft, sondern
daß Goljadkin II die Verkörperung des Gewissens von
Goljadkin I in die Realität projiziert darstellt. Dostojewski
weiß genau, daß im Wahn Sinn ist, daß die verworrensten
Reden der Geisteskranken deutbar sind.
Mehr oder weniger neurotisch sind alle Gestalten
Dostojewskis, der Schöpfer dieser Gestalten weiß aber, daß
die Neurose, wie dies Freud bewies, keinen spezifischen
Inhalt hat, und daß der Neurotiker an Komplexen erkrankt,
die dem Gesunden ebenfalls zu schaffen machen. Die
Freud'schen Mechanismen sind an den Gestalten Dosto-
jewskis stets deutlich erkennbar. Wenn Goethe von Shake-
speares Gestalten mit Recht sagt, daß sie Uhren gleichen,
deren Gehäuse aus Glas besteht, so daß man das Uhrwerk,
die Triebräder ebenso sehen kann, wie die Stunden, so
zeigen die Gestalten Dostojewskis uns noch ein Stück mehr.
Sie enthüllen nicht nur die bewußten Triebfedern ihrer
Handlungen, nicht nur ihre bewußten Gefühle, sondern
auch ihr Unbewußtes.
So sahen wir denn Leben und Dichtung Dostojewskis
im Lichte der Psychoanalyse, und sahen wenigstens zum
Teile die Triebe, die dieses Leben und diese Dichtung
Dostojewski 93
determinierten. Das Bild eines kleinen Knaben entstand
vor uns, von seiner Mutter ein wenig vernachlässigt, von
seinem Vater in enggesteckte Grenzen verwiesen. Verein-
samt im Vaterhause und in der Schule, voll heftig drän-
gender Triebe und unerfüllbarer Wünsche, voll Träumen
von Reichtum, Macht und Größe, flüchtet er aus der
Realität in die Welt der Phantasie, _der Tagträume, wo
die Erfüllung aller versagten Wünsche winkt. Aus diesen
Träumereien stammen seine Dichtungen, deren Wurzel
erotische Triebe, deren Gegenstand unbewußt der Inzest-
wunsch ist, Leben und Dichtung Dostojewskis, seine Hand-
lungen und Gefühle, seine Schicksale und seine Dichtung,
sie entstammen alle seinem Ödipuskomplexe.
IMJGO-BÜCHER
DER KUNSTLER
ANSÄTZE ZU EINER SEXUALPSYCHOLOGIE
VON
DR. OTTO RANK
II
TOLSTOIS KINDHEITSERINNERUNGEN
EIN BEITRAG ZU FREUDS LIBID OTHEORIE
VON
DR. N. OSSIPOW
III
DER EIGENE UND DER FREMDE GOTT
ZUR PSYCHOANALYSE DER RELIGIÖSEN ENTWICKLUNG
VON
DR. THEODOR REIK
IV
DOSTOJEWSKI
SKIZZE ZU SEINER PSYCHOANALYSE
VON
JOLAN NEUFELD
INTE RNA T I O NALER
PSYC HO A NALYTI S C H ER VERLAG
WIE N, VII. ANDREASGASSE 3
WER KE VON PROF. S I G M. FREUD
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. (Fehlleistungen,
Traum, Allgemeine Neurosenlehre.) Drei Teile in einem Band.
Großoktavausgabe, 4. Auflage (5.-11. Tausend) 1922.
Tasc/ienausgabe, 2. Auflage (3.-7. Tausend) 1923.
Die Traumdeutung. 7. Auflage, mit Beiträgen von Dr. Otto Rank. 1922.
Über den Traum. 3. Auflage. München 1921.
Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Ver-
sprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 9. Auflage. 1923.
Totem und Tabu. Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der
Wilden und der Neurotiker. 3. Auflage. 1922.
Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 3. Auflage.
Leipzig und Wien 1921.
Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20jähr. Gründungs-
feier der Clark University in Worcester, Mass. 6. Auflage. 1922.
Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 5. Auflage. 1922.
Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Erste Folge.
4. Auflage. 1922. — Zweite Folge. 3. Auflage. 1921. — Dritte Folge.
2. Auflage. 1921. — Vierte Folge. 2. Auflage. 1922. - Fünfte Folge. 1922.
Studien über Hysterie (mit Dr. Josef Breuer). 3. Auflage. 1922.
Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva". (Schriften
zur angewandten Seelenkunde, 1. Heft.) 2. Auflage. 1912.
Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. (Schriften zur
angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) 3. Auflage. 1923.
Jenseits des Lustprinzips. 3. Auflage (5.-9. Tausend) 1923.
Massenpsychologie und Ich-Analyse. 2. Aufl. (6.— 10. Tausend) 1923.
Das Ich und das Es. 1923.
Zu beziehen durch den INTERNATIONALEN PSYCHO-
ANALYTISCHEN VERLAG, Wien, VII. Andreasgasse 3
J